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12. April 2005, 21:45 Uhr, Zenon

Weltreiseziel (1): Schweiz

In Gedanken beginne ich heute, am 7. April 2005, eine Reise um die Welt. Mit der Bahn erreiche ich von meinem Wohnort Augsburg aus in rund fünf Stunden Basel (umsteigen in Karlsruhe oder Mannheim).

1. Einst (1965) war mit einem Landschulheim-Aufenthalt im Schwarzwald ein Tagesausflug zum VIERWALDSTÄTTER SEE verbunden, um auf den Spuren von Wilhelm Tell und Rütlischwur (1291; daher 'Schweizerische Eidgenossenschaft') zu wandeln. Ein Besuch dort bietet sich auch im derzeitigen 'Schiller-Jahr' an.

2. Auf einer Reise nach Rom (1990) hatte ich Zwischenaufenthalt in LUZERN, wo Wagner 1859 'Tristan und Isolde' vollendete; im nahe gelegenen Tribschen war der ruhelose Tondichter um 1870 einige Jahre sesshaft.

3. Um auf BASEL zurück zu kommen: hier erhielt im Februar 1869 der 24-jährige Nietzsche einen Lehrstuhl für klassische Philologie, den er zehn Jahre später aus Krankheitsgründen aufgab. In Dornach bei Basel befindet sich das anthroposophische 'Goetheanum'; dort werden alljährlich beide Teile von Goethes 'Faust' ungekürzt aufgeführt.

4. Ein beliebter Aufenthaltsort des kranken Nietzsche war SILS-MARIA im Inntal - hier entstanden unter anderem Teile seines Hauptwerks 'Also sprach Zarathustra'. Der gleichermaßen musikalische Sozialphilosoph Theodor W. Adorno verbrachte viele Jahre den Sommerurlaub im dortigen Hotel 'Waldhaus'; 1966 fand sich von ihm ein Artikel 'Aus Sils Maria' in der Süddeutschen Zeitung.

5. Nach seinem Tübinger Studienabschluss (1793) nahm Hegel, der angehende Hauptvertreter des Deutschen Idealismus, bei der Patrizierfamilie Steiger von Tschugg in BERN für dreieinhalb Jahre eine Hauslehrerstelle an. Seinerzeit war das an der deutsch-französischen Sprachgrenze gelegene Bern noch nicht Hauptstadt - dazu kam es erst 1848, als die Schweiz ein parlamentarischer Bundesstaat wurde. Von 1914 bis 1917 verbrachte der von Hegels dialektischem Denken beeinflusste Lenin in Bern (und Zürich) eine schriftstellerisch produktive Wartezeit, ehe er sich im versiegelten Zug auf die Fahrt zur Oktoberrevolution begab.

6. Einer der wichtigsten Inspiratoren von Hegel & Co. war der in GENF geborene unorthodoxe Aufklärer Jean-Jacques Rousseau. Von noch größerer Bedeutung ist die ehemalige burgundische Hauptstadt als Hochburg der calvinistischen Reformation (neben dem Zürich Zwinglis). Gegenwärtig ist die wohl weltberühmteste ortsansässige Einrichtung das CERN (Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire); hier ein Auszug aus einem FAZ.NET-Artikel vom 5. April: 'Im Moment bauen die Cern-Physiker den Large Hadron Collider (LHC), die stärkste Beschleunigungsröhre der Welt, 27 Kilometer lang. Von Anfang 2008 an werden hier annähernd lichtschnelle Protonen aufeinanderkrachen. In den Trümmern will man nach neuen Teilchen suchen. Genauer gesagt: Teilchen, die es lediglich eine Billionstelsekunde nach dem Urknall gab. Der heilige Gral der Cernländer ist das Higgs-Teilchen. Das klingt nach Schluckauf, könnte aber den nächsten Physiknobelpreis bringen.'

7. Nationalsprachen der Schweiz sind außer Deutsch und Französisch noch Italienisch und Rätoromanisch. Die Deutschschweizer sind mit über 60% die bevölkerungsstärkste Volksgruppe; sie wollen aber ebenso wenig als Deutsche gelten wie die Österreicher.

8. Mit der Schweizer Metropole ZÜRICH (von vergleichbarer Einwohnerzahl - ca. 343000 - sind Wuppertal und Bielefeld) verbinde ich beim ersten Nachdenken vor allem die Zuflucht Thomas Manns in den ersten Jahren seiner Emigration (1933-38 in Küsnacht; 'Joseph und seine Brüder') und die Wahlheimat in den letzten Jahren seines Lebens (1952-55 in Kilchberg; 'Die Betrogene', 'Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull', 'Versuch über Schiller').

9. Schweizer Autoren, die in meiner Achtung sehr hoch stehen, sind:
* Johann Peter Hebel ('Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes')
* Jacob Burckhardt (Welt- und kulturhistorische Schriften)
* Gottfried Keller (Romane, Erzählungen)
* Conrad Ferdinand Meyer (Novellen, Gedichte)
* C. G. Jung (Schriften zur Tiefenpsychologie)
* Karl Barth (Schriften zur evangelischen Theologie)
* Adrienne von Speyr (Mystische Schriften)
* Hans Urs von Balthasar (Schriften zur katholischen Theologie)
* Friedrich Dürrenmatt (Dramen u.a.)
* Max Frisch (Romane u.a.)

Habe ich etwas ganz Wichtiges ausgelassen?


Apropos Punkt 9:
Wie konnte ich nur Robert Walser vergessen?
Mein Schweizer Altersgenosse Willi hat mich soeben per eMail darauf aufmerksam gemacht. Ich las einmal bei Martin Walser, wie große Stücke er auf seinen älteren Kollegen und Namensvetter hält. Zum Lesen des in diesem Zusammenhang gepriesenen Romans "Der Gehülfe" bin ich noch nicht gekommen, obwohl schon viele viele Jahre seitdem verstrichen sind - ein weiteres schweres Versäumnis. Umso dankbarer bin ich für Willis Erinnerung. Meine Robert-Walser-Lektüre steht jetzt aber kurz bevor. Danach erst werde ich allerdings entscheiden können, welcher Name aus der "Top Ten" (von Hebel bis Frisch) herauszunehmen ist. Da werde ich gewiss die Qual der Wahl haben ...

Zenon | 10. Januar 2006, 13:16 Uhr | http://leo-allmann.de


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