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24. Juni 2006, 16:51 Uhr, Epiphanius

Sekunden nickte ich über dem Balkan ein

Des morgens schritt ich mit Stock Rucksack und breitkrempigem Hut auf der von Häusern gesäumten Uferstraße weiter; ein paar Kilometer vor Lambiri kam es zu heftigem Gewitterregen. Ich stand für eine Weile unglücklich unter einem Baum, dann flüchtete ich mich in einen großen Abflußtunnel der Autobahn; als das Wasser auch da zu meinem Platz gelaufen kam konnte ich weitergehen. Die schöne Kirche vor Lambiri war leider nicht zugänglich; aß später eine Pitta unter dem Vordach eines Minimarket. In einer Bäckerei ließ mir die freundliche Verkäuferin von sich aus vom Preis etwas nach.

Wieder eine Lange Regenphase, die ich im Schutz der Autobahnunterführung saß; ein kleines Gärtchen war da angelegt; lehnte mich gegen den Rucksack, der wieder am Pfeiler gegenüber dem Gedenkhäuschen stand.

Ein kleiner Schrein auf Metallgestänge, darin eine Ikone und ein Öllämpchen. Ein verblichenes Foto, daß mich wieder einmal wie magisch darin hatte lesen lassen: ›Ist dieses Schicksal mir schon im Gesicht beschrieben? Warum ich? War ich vielleicht schon zu gut für diese Welt?‹; darin auch die Schächtelchen mit Dochten, Schwimmern, Weihrauch, und eine Vorratsflasche alten Öls zum Gedenken an den hier beim Verkehrsunfall Verstorbenen.

In meiner Zeitung las ich, daß sich die Teilnehmer an der Balkankonferenz lieber unter dem Terminus Südwest-Mitteleuropa lokalisiert finden möchten; mein Kopf neigte sich tief über die schon mehrfach gelesenen Zeilen, für Sekunden nickte ich ein; am liebsten hätte ich das Regenwetter irgendwo verschlafen. Informationen und Bilder zur Region Achaia

Am Nachmittag fand ich in einer Bushalte Schutz. Ein junger Mann saß da schon, er schob sein Sportfahrrad für mich ein wenig zur Seite. Leonidas Charits war sein Name; sein Alter 15 Jahre; Grieche und mit seinen Eltern hier in den Ferien; zu sagen, was er nach der Schule machen möchte, fand er schwer; ›vielleicht die Medizin studieren‹. Als wir uns verabschiedeten, fragte er, ob ich möchte, daß er mir eine Hilfe geben. Ich sagte ›nein‹ und bedankte mich. Seine Augen leuchteten; er sah mit einem langen, liebevoll verträumten Blick zurück.

In Egio ging ich entlang der Umgehungsstraße, durchquerte aber trotzdem ein großes Stück der Stadt, in der sich dieser Tage der Müll staute; die Container quollen über und die Abfallpyramiden stanken; darum herum die vom Öl schillernden Pfützen. Das Motorengeräusch der Zweiräder stand hier eindeutig in einem reziproken Verhältnis zu ihrer Leistung; ›wie mein Gottgedenken zum Füllstand meiner Börse‹, dachte ich.

Die Sonne beschien nun Teile der Berge am Nordufer des Golfs; übermächtig empfand ich diese weiten, leeren Höhen; ich wähnte mich in biblischen Landen.

In der Peripherie der Stadt kaufte ich die letzte Pitta der Auslage. Wieder türmten sich dunkle Wolkenmassen; ich fand da Schutz und Schlafplatz in einer freien Einkaufwagenreihe des sonntäglich geschlossenen Lidelsupermarkts.

Erquickt und schon im Begriff nun wieder weiter zu gehen, öffnete der Himmel erneut die Schleusen; ich setzte mich wieder; kramte das Neue Testament heraus, das mittlerweile nur noch eine lose Blattsammlung war und schlug willkürlich auf; der zweite Brief des Paulus an Timoteus, Kapitel 4: 'Ich beschwöre dich ... verkünde das Wort, sei zur Stelle, gelegen oder ungelegen ...'.

Ein Mann kam vorüber, blieb stehen und schimpfte; ich wußte dazu keine Erwiderung und zuckte mit den Schultern.


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