25. Juni 2006, 22:39 Uhr, EpiphaniusGehirnwäsche mit Weichspüler
Ich sehe schon seit über zehn Jahren nicht mehr in die Glotze; zu oft hatte ich ein schales Gefühl danach; die Bitternis dazu, meine Zeit verschwendet zu haben; die Bitternis darüber, mich wieder einmal in einem überlangen Bilderflutkonsum aus meiner persönlichen Situation verflüchtigt zu haben ... und nun irgendwie deutlich geschwächt in der Gegenwart herumzuhängen.
Das Gehirn war gesättigt wie ein nasser Schwamm; von aberzähligen Informationen, die mich und meine Alltagssituation nur peripher oder gar nichts angingen; es war im Unverhältnis gesättigt von tausend global schreienden Ungerechtigkeiten; von Krisen, Katastrophen; von allen weltweiten Gewalten und Sensationen und trieb mich zu diesem, vielleicht ja gewollten, letzten Resümee der Hilflosigkeit: ›Sieh doch nur, wie gut es uns hier noch geht‹. Je problematischer der Alltag mich bedrückte, desto öfter ertappte ich mich in der Tendenz zur Medienbetäubung.
Medienerziehung, Medienkompetenz, das gab es zu meiner Zeit noch nicht als Unterrichtsthema. Meine Kindheit, meine Familienerfahrung war geprägt vom abendlichen gemeinsam vor dem Fernseher Sitzen; immerhin, damals noch gemeinsam ... immerhin auch noch mit der mächtig drückenden Unzufriedenheit darüber, daß wir da nun alle saßen und kaum mehr miteinander sprachen.
Bei meinen inzwischen längst berenteten Eltern ging es immer weiter so; sie ziehen sich ihr Heimkino täglich viele Stunden lang rein; ihre Gehirne sind okkupiert von der Programmlinie.
Neulich, es war kurz vor Weihnachten, sprach mein Stiefvater zu mir in meiner Situation, als vom 'Sozialscharotzer'. Ich war schockiert und ich dachte, ›Vater Clemens und Konsorten sollten ihre Äußerungen einmal unter diesen Perspektiven kontemplieren‹; ja, was sie nämlich anrichten, wie sie millionenfach die Wetware, die widerstandslosen Gehirn dieser hoch medialen Gesellschaft mit Viren und Würmern infizieren und programmieren; auch hier fehlt es an der Medienkompetenz; auf den Punkt gebracht, an der Medienethik, und zwar in ganz fataler, mutwilliger Weise.
Die Volksdroge Fernsehen und ihre legalen Dealer für den schmutzigem Stoff; die Mediengesetze lassen ihnen viel zu viel Freiheit; der Alltag ist die nicht kompetente Rezeption, daß sich millionenfache dünnhäutige Ausliefern an die Stimmungs- und Meinungsmacher.
Der Bildungsauftrag, die freie Berichterstattung, die Vielfalt der Perspektiven ... die Verantwortung der Medienmacher ist enorm; das was daraus resultiert entspricht dem wohl in der Mehrzahl nicht; dass sich die öffentlich rechtlichen Sender immer mehr den privaten Quotenprogrammen annähern wird auch mittlerweile einem Nichtfernseher bekannt.
Da ich die in der Gesamtheit seiner Auswirkungen beurteilte Folgenabschätzung des Fernsehkonsums, ...
... wie die psychische Destabilisierung und Desorientierung durch ein Übermaß an Information und Zerstreuung, die Erziehung zu einer passiven Lebenshaltung, die Stressinduzierung bei gleichzeitiger Abwesenheit von Abarbeitungsmöglichkeiten, die Hysterisierung und Manipulierung mit ihren enormen Gesundheitskosten durch Langzeitfolgen im Cardiovaskulären Bereich, die psychische und soziale Verkümmerung ...
... kaum mit ihren positiven Aspekten wie Bildung, Aufklärung und Freizeitgestaltung aufwiegen kann und die Problematik insgesamt für so brisant einschätze, plädiere ich für ein radikales Neubedenken des Mediums unter dem Aspekt Drogenmisbrauch.
Im Zuge der Digitalisierung des Fernsehens sind nun völlig neue Ansätze, wie ein individuelles und differenziertes Kontingentierungssystem für Inhalte außerhalb des Bildungsbereichs denkbar.
Dass ich als dütscher Internet-Computer-Besitzer nun ab nächstem Jahr auch noch mit einer Zwangsabgabe wie als Fernsehkonsument belegt werde, ist in meinem kritischen Verhältnis zum Medium eigentlich das kleinere Problem; trotzdem halte ich diese gesetzliche Regelung für ein Musterbeispiel an inkompetenter und verkehrter Politik. Mein PC ist in seiner Ausstattung nicht fähig Fernsehprogramme wiederzugeben und ich schätze mal, 70% der PC's im Gebrauch sind es ebenfalls nicht.
So wie der Besitz eines Spritzenbestecks oder eines Bongs uns noch nicht des Konsums illegaler Drogen strafbar macht, so dürfte auch der Besitz eines unbenutzten Fernsehers oder Radios nicht mit dem illegalen Konsum dieser Medien gleichgesetzt werden; schon gar nicht der Besitz eines Internet-Computers; das ist Kollektivverdächtigung und - Bestrafung.
Ich vermute auch, die Politiker wollten hier primär ihren direkten Einflussbereich, den Sektor der Öffentlich-Rechtlichen stärken.
willi | 28. Juni 2006, 00:01 Uhr | http://willi.wortbeitrag.net
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