13. Juli 2006, 10:25 Uhr, EpiphaniusAlexandroupoliAls ich in Xanthi aus dem Netzcafe kam, war es schon dunkel; es hatte am Nachmittag geregnet und sah nun weiterhin nach Niederschlag aus. Ich entschloss mich da kurzerhand, das Zelt unter den Bäumen einer nahen Grünanlage aufzustellen. Ich lag schon, da prallte etwas gegen die Außenhaut; kurz darauf erneut. Jemand hatte Steine geworfen; wer, war dann aber natürlich nicht mehr ersichtlich. Der zweite Wurf hatte ein faustgrosses Loch in die Plane gerissen. Ich überlegte schon, ob ich nicht wieder einpacken sollte, da kam, mit blaulicht, die Polizei dahergefahren. Der Beamte sagte mir, ich dürfe hier nicht zelten, ... aber schließlich, ... na ja, nach Lage der Dinge und für die eine Nacht, ... sollte ich dann doch ruhig bleiben. Auf die Steinwürfe angesprochen, bekam ich zur Antwort, die Leute hätten wohl sicher nur Angst vor mir gehabt. Ein Gruppe wild aussehender Jugendlicher umstand uns nun auch und verfolgte neugierig mit grossen Augen das Geschehen. Ich solle trotzdem die Nacht hier bleiben. So tat ich's und war dann auch ungestört; bis auf den freundlichen Anwohner, der mir noch einen Teller mit Spagetti ans Zelt brachte und sich mit mir ein wenig unterhielt.
Der alten Strasse über die Lagune von Lagos folgend, kam ich durch eine Reihe beschauliche, ja geradezu wie zeitlos in der Sommerwärme vor sich hin schlummernde Dörfchen. In Nea Kalisti nötigte mich der Betreiber des Supermarktes doch bitte am Tisch hinter seiner Kasse platz zu nehmen; wir führten eine einfache Unterhaltung, die sich mir aber ob ihres ungezwungenen, offenen, interessierten, animierten Charakters besonders einprägte; schließlich schenkte er mir zu meinem Einkauf noch das Brot und einen Fruchtsaft dazu.
Nicht lange danach, in Paladio, trat der Cafeneobesitzer an der Strasse zu mir heran und fragte, ob er mich auf eine Limonade einladen dürfe. Hundert Familien wohnten in dem Dorf, so erzählte er; 30 davon seien türkischer Abstammung. Auch hier, wie nun überall, waren eine orthodoxe Kirche und das moslemische Minarett einer Moschee, als Glaubensstützpunkte sichtbar. Das Zusammenleben gestaltet sich, nach seinen Worten, sehr friedvoll. Er spricht neben etwas Deutsch, Französisch und Englisch, das er sich als Autodidakt beibrachte, auch mit seinen türkischen Freunden in ihrer Sprache. Zum Abschied winkten mir die Gäste des Cafes Ade.
Mein Eindruck war, dass die Menschen hier einen besonders sensiblen und höflichen Umgang, eine besondere Seinsweise lebten; das war mir ausgesprochen angenehm zu erfahren. Eine häufig gestellte Frage laute nun, ob ich nach Konstantinopel ginge, das ist das heutige Istambul. Diese kleinen dörflichen Minarette, mit ihren silbernen Hütchen wirkten übrigens ungewöhnlich futuristisch auf mich.
Hinter Komotini kam am Nachmittag Gewitterwind und Regen auf. Einer Eingebung folgend, ging ich zu der Kapelle auf dem Hügel hinter Roditis. Hier fand sich ein kleiner aber feiner und stiller Park mit Grillhäuschen und Toiletten; er war der perfekte Schutz vor dem Unwetter und des Wanderers glückvolle Ruh durch die Nacht.
Über Sapes folgte ich ab Mesti der alten Nationalstrasse, die nun oberhalb der Autobahn verläuft; die übrigens auf meiner Karte noch gar nicht sichtbar war. Mitten in den Bergen mündete diese dann aber doch auf die Schnellstrasse; das Tal war wohl hier zu eng gewesen. Gleich gegenüber befand sich ein Rastplatz mit einem Kantina-Wagen und einem Pavillon dahinter. Ich ging da erst einmal hinüber auszuruhen, und, um dann zu sehen, wie ich weiterkäme. Von dem Holzhüttchen aus entdeckte ich unterhalb einen, über eine Treppe erreichbaren Picknikplatz. Eine Brücke über das Flussbett dazwischen gab es nicht mehr, aber, da war sowieso kein Wasser darin. Grosse schattenspendende Bäume, Tische, Bänke und eine Quelle waren da so einladend anzusehen, dass ich beschloss zu bleiben.
Das war vor drei Wochen! So lange bin ich da nun schon; ich mag diesen Ort; ich wusste da gleich, ich könnte nur bleiben, wenn ich Faste und mich so zur Ruhe bringe. So geschah es auch; in mehreren Perioden von je drei Tagen, an denen ich nichts ass, nicht rauchte, keinen Kaffee trank; sie bekamen mir sehr gut. Ich meditierte, lernte Türkisch, schrieb und kümmerte mich ein wenig um den Platz. So sammelte ich den Müll ein, den die wenigen Gäste, vor allem am Wochenende immer reichlich und unbedacht hinterliessen. Eine Familie russischer Griechen, sie kamen vor 10 Jahren aus der Ukraine, nahm mich ganz selbstverständlich hier schon zweimal wie einen guten Freund an ihrem Mittagstisch auf. Als ich am letzten Sonntag mit einem türkisch stämmigen Griechen meine neu erlernten Vokabeln prüfte, ich nannte u. a. auch ein paar Lebensmittel, brachte der mir später ein Tüte mit eben den genannten Sachen und ein paar mehr vorbei.
Streunende Hunde gesellten sich da auch zu mir. Anfangs ausgesprochen menschenscheu, liegen sie nun den ganzen Tag um mich herum und folgen mir auf schritt und tritt; obwohl ich ihnen kaum etwas geben konnte. Ab und an ein wenig Brot; ja und die Mülltonne befördert hin und wieder noch etwas für sie. So sind sie da meine Askese-Assistenten; worüber ich ganz dankbar bin. Mein heutiger Ausflug nach Alexandroupoli hat unter anderem das Ziel, einen Sack Futter zu befördern. Ich spiele mit der Vorstellung, noch den heissen August hier auszuharren ... so schrieb er es in sein Notizbuch, vor zwei Jahren.
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