10. August 2006, 15:42 Uhr, EpiphaniusInfosphäre XXL 1.1Meine Person im Cyberspace, hier als der Bloggerling Epiphanius, besteht aus Informationsmustern, die ich aus der Schriftsprache kreiere. Diese Muster werden von einem dynamischen Datenverarbeitungssystem quasi sozialisiert; es ist das Blogsystem, welches den weltweiten Zugriff darauf und die Vernetzung in einem Freundeskreis der sich Lesenden und Kommentierenden ermöglicht.
Diese Textfiguren sind ein Spiel mit den Bedeutungen, den Anklängen, den Resonanzen und Dissonanzen unseres Geistes, der wieder aus unseren sozialen Verhältnissen entspringt, darin mutiert, sich wandelt. Die Sprachen sind ja wir wir selbst, lebendige Welten; sie sind ein Agens unseres Wandels; ein Code mit dem wir Einfluss nehmen und beeinflußt werden.
Ich lebe allein, quasi in der Wildnis; in einer Hütte, die in einem bewaldeten Teil des niedersächsischen Flachlandes steht; hier nun auch diesen Anschluss an den Informationsraum zu haben ist mir eine wertvolle Entwicklung.
Meine Wissbegier findet an diesen digitalen Gestaden eine bislang nicht gekannte Zufriedenstellung. Ich denke immer wieder daran, was dies doch für ein Quantensprung im Bereich des Lernens, Verstehens und Arbeitens ist, insbesondere für die jungen Menschen, die nun mit diesen Möglichkeiten aufwachsen.
Politik, Kultur und Information frei im Netz zugänglich zu machen, wie es in den Wikipedia Enzyklopädien, den Gutenberg- und Bibliotheksprojekten, aber auch durch die Suchmaschinen und die offenen Onlineangebote der Printmedien geschieht, der erschwingliche Zugang zum Netz und die freie Kommunikation darin, das sind die zukunftsträchtigen Entwicklungen hin zur Weltteilhabe in einer neuer Dimension.
Es ist mir eine der größten revolutionären Entwicklung unserer Zeit; die Infosphäre bietet zum ersten Mal jedem die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme; darin sich einzubringen; seine Meinung, sein Können, sein Wissen und seine Ressourcen zu teilen und sich zu organisieren.
Der Staat darf das Netz ebenso wenig für die Überwachung seiner Bürger missbrauchen wie die Wirtschaft zu Spam und zur Erstellung von Persönlichkeits- und Konsumprophilen. Die sogenannte Informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz bedürfen weiterer Entwicklung.
Als Netznutzer gilt es hier auch, das rechte Maß zu finden. Die Infosphäre kann den Geist so weit zerstreuen, dass er nur noch in Informationspartikeln erscheint; dass er seine Ganzheit, seine Integrität, seine fundamentale Leere vergißt und daran auf höchstem Niveau zu verdummen droht.
Die Entwicklung wird wahrscheinlich dahin gehen, dass wir den Netzzugang immer in der Tasche tragen, wie heute schon das Handy; und was jetzt unser Fenster in diese Welt, unser Monitor ist, das wird vielleicht die Brille mit dem etwas dicken Bügel sein, der uns das Bild darin einspiegelt; die Navigation, das Bedienen der Maus wird abgelöst von detektiertem Blick und Wort.
Die Infosphäre und damit auch unsere virtuelle Kommunikationsgemeinschaft wird also immer und überall mit uns sein. Auf einer Wanderung finden wir die Informationen zu der Ruine vor uns anhand der GPS Koordinaten, dazu lesen und ergänzen wir womöglich den Beitrag der Wikipedia; oder, bei einer Pause auf der Bank im Wald zitieren wir uns aus den Werken Eichendorffs, wie wir sie im Gutenberprojekt finden. Es ist ein neuer Kosmos, den wir da betreten, ein Neuland in dem es noch unendlich viel zu entdecken und zu gestalten gibt; es ist der Prozess, der die reale Welt mit einer digitalen Informationswelt durchdringt; schon jetzt speisen unsere Augen und Ohren durch sie im Orbit der Satelliten und der Netze rund um die Welt.
Diese Informationssphäre ist in Aspekten so, wie schon Douglas Adams in seinem Werk „Per Anhalter durch die Galaxis“ den Reiseführer beschrieb, darauf die Worte stehen Don't Panic!
Wollen wir dieses totale Infotainment? Fast alle Menschen tragen schon das Handy in der Tasche; es ist heute schon vielfach internetfähig.
In der Geschichte der Menschheit, in ihrer zivilisatorischen Entwicklung, in ihrer Memesis, sind die großen Meilensteine das Wort, die Entzifferung der Gestirne, die Schrift, das Geld, das Buch, die Technik, die Wissenschaft und der Computer.
Futurologisch wie real sind wir schon der Cyborg, diese Symbiose des Menschen mit den Maschinen und der Technik.
Ich verstehe den Begriff Cyborg in einem weiteren Sinne, ähnlich wie Walther Christoph Zimmerli, schon als die Verquickung der Zivilisation mit Technik und Maschinen. Unsere Kultur ist darin mittlerweile so stark verschränkt dass man durchaus von einer Symbiose mit der Maschinenwelt reden könnte.
Die wirklich inkorpurierte Technik beschränkt sich bislang auf Dinge wie Schrittmacher und Endoprothesen; in diesem strengen Sinne ist der Cyborg aber noch wenig relevant.
Der erweiterte Cyborgbegriff ist viel brisanter; wenn wir uns das hier einmal ein wenig vor Augen führen. Ich möchte eine von Herrn Peter Sloterdijk häufig benutze Terminologie entlehnen; er spricht sehr anschaulich von den Verwöhnungsräumen im Komforttreibhaus Zivilisation; ich betone in diesem, seinem Szenario, mit den Beispielen Verbrennungsmotor und Elektrifizierung, wie viel Anteil an dieser Verwöhnung doch die Technik und die Maschinen begründen; unser Einlassen auf den motorisierten Verkehr und Transport sind darin die wohl prominentesten Komponenten.
Mit den Informationstechnologien, also der vernetzten Datenverarbeitung, den Softwareprogrammen, der Fuzzy-Logik, der künstlichen Intelligenz der Computer, ist uns die technische Materie in unseren Verwöhnungssphären nun zum omnipotenten Roboter geworden der unsere Arbeit tut; in dieser nahezu exponentiellen Kumulation von Mächtigkeiten steckt die Bias, mit der die Menschheit den Planeten überwuchert.
Das dieses Zivilisationsmyzel in der Schöpfung kein Krebsgeschwühr sei, ist unsere hehre Hoffnung; jedoch die Diagnostiker der Zeit sehen den Patienten seit langem in der schweren multifaktoriellen Krise.
Ein Großteil unserer schulischen, beruflichen und universitären Aufrüstung dreht sich um die Fertigkeiten zur immer weiterreichenden Indienstnahme der durch Informationstechniken sublimierten physikalischen Kräfte; in jüngster Zeit auch um die Manipulation der Biosphäre einschließlich des Menschen selbst. Die alltägliche Nutzung und Erweiterung dieser Kraft-, Leistungs-, Beschleunigungs- und Informationsextensionen verändert auch den Menschen in Verhalten und Konstitution.
Als solche Cyborgs also reiten wir heute auf Raketen, kreisen im Weltall um den Globus und spähen mit Hubble zurück zum Anbeginn des Kosmos.
Wes Geistes Kind sind wir in dieser Komfortsphäre heute ... wessen werden wir es sein? Der fundamentalistisch Enthaltsame mit seinem Gott, oder der fundamental Verführte; das fundamental im Chaos der angepassten Orientierungslosigkeit treibende und gelenkte Schwarmpartikel Mensch, mit der Spiritualität auf Knopfdruck und mit Pille ... dessen Begeisterung die Entgeistigung bedeutet?
Ich zeichne da ein Extrem, dass mir gleichwohl oft so erscheinen will. Für mich leben groß Teile der Menschen ohne echte Eigenorientierung, ohne wirklich persönliche Koordinatenfindung; sie leben als in vorgefertigten Entscheidungsbäumen flipflopende Singularitäten; die sich selbst nicht trauen oder sich als Einzelwesen zynisch oder mit Schuldgefühlen belastet empfinden und sind so in hohem Masse an externe Wertefelder korreliert; darin in der Hauptsache darum bemüht sich anzupassen und reale oder projizierte Erwartungen zu erfüllen.
In einer medial nivellierten Massenkult treibt so ein kompensatorischer Differenzierungskult an überspannten Egoflächen die buntesten Lifestyleblüten heraus; wer sich durch die Weblogs klickt findet darin solcherart exaltierter selbstreferenter Ichbaustellen ohne zahl.
Der nicht verführte, nüchterne, intelligente User wird das Medium anspruchsvoll sinngebend nutzen. Ihm ist die Infosphäre wie die reale Welt ohne angestrebte Meisterschaft eine Bedrohung, die Auflösung, ein geistiger Tod wie in der Zombisphäre.
Wie aber findet der Mensch zu sich? Wie bleibt er bei sich? Wie kann er den Verführungen zum Nichtsein, dem zerstörerischen Verhalten gegenüber sich und der Schöpfung entgehen? Die Frage wie die Antwort ist vermutlich so alt wie der Mensch; sie fällt in den Bereich der Religionskultur und ihrer Prinzipien ebenso wie in den der Ethik und des Rechts.
Lieber Netcitizen, lieber Netzbruder am Fenster deiner Infosphäre, am Fenster zum globalen Wort, ... dir und dem Menschen an sich bist du auch näher, wenn du sprichst. Es ist wie eine Art von Erwachen aus der Hypnose der stillen Schriftrezeption, wenn du diese Worte mit der Lautkraft deines Körpers kleidest ... sprich ... sie also sprichst.
Das Leuchtfeuer des Erwachens zur und aus der Infosphäre ist das lebendige Wort, das gesprochene Wort ...
... es ist der Keim aller künstlichen Horizonte, der Durchdringer und Gestalter der Welten, das Kind der Mutter aller Epen ...
... so wird ja am Kosewort eine Kernkraft des Menschseins erbrütet.
Abschließlich nun, ... da ist das gemeinsame Mahl, unser tägliches Brot, vielleicht die Arbeit und der Haushalt; der Regen, der uns näßt; die Sonne, die uns schwitzen läßt; die Katze die uns schnurrt; die Natur die uns mit ihrer Grüne atmet und mit ihrer Bläue tränkt; die Liebe dazu, sei hier einmal der ultimative Algorithmus unserer Wetware zum Darüber Hinaus!
Das fundamentale Leben braucht keine Infosphäre; die Guten haben ihre Engel, die ihnen flüstern was sie wissen müssen, die ihnen zeigen, wo es lang geht, die ihnen das Brot und den Fisch zum Leben gereichen. In unserer Komfortsphäre ist uns denn auch eine Phase der Erfahrungen des essentiellen, wirklichen Lebens, der mystische Pilgerfahrt, nötiger denn alles und denn je.
Kai | 02. August 2006, 23:14 Uhr |
Epiphanius | 03. August 2006, 09:39 Uhr | http://epiphanius.wortbeitrag.net
siebenkaes | 07. August 2006, 14:42 Uhr |
willi | 12. August 2006, 07:27 Uhr | http://willi.wortbeitrag.net
willi | 14. August 2006, 17:50 Uhr | http://willi.wortbeitrag.net
ula | 15. August 2006, 00:25 Uhr | http://ula_bre.wortbeitrag.net
Epiphanius | 15. August 2006, 18:17 Uhr | http://epiphanius.wortbeitrag.net
ula | 17. August 2006, 02:56 Uhr | http://ula_bre.wortbeitrag.net
ula | 17. August 2006, 03:14 Uhr | http://ula_bre.wortbeitrag.net
Epiphanius | 17. August 2006, 15:45 Uhr | http://epiphanius.wortbeitrag.net
"Hätte ich doch oder auch nicht vermieden, verhindert, gewagt, getanzt, geschrien, gesagt, gesehen, gemerkt...
Ein schlichtes Feuerwerk, das Buch!
Und in Originalsprache noch verblüffender. Kurz, prägnant, auf den Nagel getroffen...
ISBN: 3-933496-00-4 / Kamphausen J. Verlag
(Habe heute keine Elstern gesehen; aber deren Flügelschläge konnte ich deutlich hören...)
Liebe Grüsse, u. ula | 18. August 2006, 03:28 Uhr |
Epiphanius | 18. August 2006, 17:20 Uhr | http://epiphanius.wortbeitrag.net
ula | 27. August 2006, 04:46 Uhr |
Epiphanius | 28. August 2006, 00:38 Uhr | http://epiphanius.wortbeitrag.net
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