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WORTBEITRAG

13. November 2006, 16:03 Uhr, Epiphanius

Namaste

Sich einem Stück Literatur zu widmen ist wie eine Meditation; es ist ein sich Herausheben aus dem Tun des Alltags; es ist ein sich Hingeben an neue Gedanken und Bilder; an einen Strom von Gedanken und Bildern; ein sich neu Erkennen und Bilden im Spiegel dieses Stromes.

In einer Unterhaltung findet noch etwas anderes statt; hier geschieht die interaktive Geschichte; hier beeinflußt jeder der Gesprächsteilnehmer die Richtung und die Dramaturgie; hier ergänzen sich die Perspektiven, hier fließen zwei Ströme ineinander und vermischen sich zu einem Größeren.

Holger reist in einem Monat nach Japan. Er bereitet sich auf diese Reise vor. Auf meine Frage, ob er schon etwas über die Begrüßungsformen der Japaner in Erfahrung gebracht habe, sagte er 'ja'. Er begann mir nun auch sein Begrüßungsprogramm vorzuführen. So das Verneigen vor dem Gegenüber unter gleichzeitiger leichter Drehung des Kopfes nach einer oder zwei Seiten; die Hände vollführen dazu mitunter eine Art Geste der Beruhigung; sie repetieren quasi das Aufschlagen eines Großen Balles auf die Erde; vielleicht das Aufnehmen der Energie des Gegenübers, wie die eines Balles und ihr zur Ruhe Bringen in der Reflektion zwischen den Händen und der Erde. Diese Begrüßung sei mehr von einer unterwürfigen Art, sagte er; im Gegensatz zu der der Inder, bei der die Gestik des die Hände Aneinanderlegens im sich voreinander Verneigen, im hier bemerkenswert schön dokumentierten Namaste, von ihm mehr als eine Respektbekundung in Achtung und Würden empfunden wird.

Wir sind beide von einer Generation, die in ihrer Kindheit noch ein wenig von den alten Höflichkeitsformen unserer Kultur mitbekommen haben. So kam denn auch der Diener der Jungens und der Knicks der Mädchen zu Sprache. Bei Holger schien dazu die Erinnerung auf, dass sich einmal eine alte Bekannte der Mutter erregt hatte, dass er, der Sohn, ihr eben nicht artig den Diener zur Begrüßung entboten hatte. Die Mutter hatte aber dem Sohn beigestanden, ihm versichert, er bräuchte sich an solche alten Förmlichkeiten nicht mehr zu halten.

Dass Höflichkeiten und gute Manieren nicht nur das elterlicher Drangsalieren der Kinder bedeuten, ist mir im Leben hin und wieder auch dankbar bewußt geworden. So war es mir ein kleiner Schocker, als eine liebe Freundin bei Tisch nun Messer und Gabel mir der Faust ergriff; eine andere wiederum neigte dazu ihr Messer mit der Zunge zu reinigen. Beim Essen mit den Fingern unter Pakistanern* wiederum war ich vermutlich hier der kulturelle Tolpatsch.

Diesem Text vorausgehend saß ich etwa ein Stunde unfokussiert; die Gedanken kamen und gingen, wie die kleinen Holzperlen der Kette zwischen meinen Fingern glitten sie durch mein Bewußtsein, waren jedoch der Teil jener viel größeren Perlenschnur, deren Beginn und Ende ich niemals übersehe.

Dass mir in solcher Situation unbeabsichtigt ein Mensch in Erinnerung tritt, an den ich lange Zeit nicht dachte, ist mir etwas Besonderes; ich glaube dann, wir stehen in diesem Moment in Verbindung. Es ist mir hier, als würde darin eine höhere Natur des Menschen offenbar, nämlich die, einander wie die Sterne zu sein, wie die Sterne am Firmament des Geistes; hierzu und Ihnen sei nun mein Namaste.

* Anmerkung hier noch an die Damen und Herren von Horch&Guck und ihrer befreundeten Dienste ... nein, lassen sie das, ich werde schon von der Arge observiert, ich war auch nicht im pakistanischen Grenzgebiet zur Ausbildung, vielmehr verdingte ich mich hier in meinen Jugendjahren als konspirative Küchenhilfe in einem Restaurant in Birmingham. Beim Zwiebelschälen beobachtete ich heimlich die zwei jungen Köche mit ihren vergoldeten Fingern. Neben einigen rezepturalen Geheimnissen erfuhr ich so auch das gesellschaftspolitisch in höchstem Maße brisante, geheime Ingredients Pakistans, es lautet ... wir lieben uns alle. Ja, so macht man das. Die heimische Küche ist ein sehr scharfes Essen, very hot food! Vorsicht!


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