12. Dezember 2006, 07:21 Uhr, EpiphaniusFormen des Widerstands Der passive Widerstand. Ein Konzept zur Diskussion. Ein Konzept, für Menschen, die sich von der gegenwärtigen Durchökonomisierung aller Lebensbereiche bedroht und in ihrer Integrität gefährdet fühlen. Dem Konzept liegt die Weltanschauung zu Grunde, dass der Mensch kein Einzelwesen im Existenzkampf Aller gegen Alle ist, sondern Teil einer sozialen Gemeinschaft, in der auch die Starken für die Schwachen Sorge tragen; Teil einer Gemeinschaft, in der die nicht materiellen Werte wie das kooperative Verhalten, Nächstenliebe, die Würde des Menschen, Gleichberechtigung, Offenheit, Ehrlichkeit und Verantwortung höher rangieren als das Ökonomische.
Diese Weltanschauung geht von der Natürlichkeit des menschlichen Geistes aus und stellt sich damit in Opposition zum systemisch konditionierten Geist. Der systemisch konditionierte Geist sei als das begriffen, was uns gegenwärtig in unsererem Menschsein bedroht. Der Materialismus mit seiner Tendenz den Menschen nur als Faktor in der Produktion und als Konsumenten in der Vermarktung zu definieren, sei hier zuvorderst genannt; die Weltvermittlung aus zweiter Hand, durch die großen Medien mit ihren manipulativen Botschaften sei hier genannt; die Politik des Staates, die als von den Interessen der Wirtschaft, der großen Konzerne und der Reichen vereinnahmt gelten muß, sei hier genannt. Letzterer Punkt markiert uns auch ein Hauptproblem.
Abstrahiert betrachtet schert sich die Wirtschaft nicht um die menschlichen Werte; ihre Ethik ist die Gewinnmaximierung, die Eroberung und Beherrschung neuer Märkte, die Bedürfnisweckung für immer neue Produkte, die Versklavung des Menschen in Arbeit und Konsum zum Zwecke der Mehrung des Reichtums einiger Weniger. Die Kreditierung des Menschen für seine ambitionierten Konsumwünsche und privaten Aufbauleistungen ist auch als eine Mittel der extremen Abhängigmachung des Menschen in dieser Wirtschaftslogik zu verstehen.
Hier werden also ständig Wünsche geweckt und das Wünschen gefördert. Kaum jemand begreift, dass das Nachgeben an diese Wunschbefriedigung auch die Selbstversklavung an die kapitalistisch-materielle Sphäre bedeutet. Wohl begreift der Mensch, dass ihn der Konsum und die private Aufbauleistung nicht wirklich in seinem Menschsein befriedigt. Oft bleibt nach dem Konsum ein schaler Beigeschmack zurück.
Die wirkliche Befriedigung des Lebens findet der Mensch nur in den konstruktiven Rollen des sozialen Gemeinwesens. Die Wirtschaft arbeitet daran, dieses Gemeinschaftswesen aufzubrechen. So definiert sie ständig attraktiv erscheinende Lifestylevorbilder, in denen sich der Mensch als Konsument von statussymbolträchtigen Gütern in dieser Vorbildrolle wiederfinden soll. Jedoch, diese Rollen sind reine Illusion. Der Mensch auf dem Konsumtrip verliert so immer mehr von seiner Substanz; er wird immer weniger eines befriedigenden Sozialkontaktes in der Natürlichkeit seines menschlichen Geistes fähig; er Vereinzelt.
Diese Vereinzelung ist gewollt; die in ihrer Folge ständige Unbefriedigtheit des menschlichen Kerns macht den Menschen noch mehr zum Ersatzbefriediger im Konsum. Die explosive Zunahme der Singelhaushalte bedeutet eben auch mehr Konsum, noch mehr Möbel, Kühlschränke, Fernseher, und, und, und. Das Alleinsein bedeutet eben auch noch mehr Exposition an die manipulativen Botschaften der Medien, mit ihrem Motto, schaffst du Etwas, hast du Etwas bist du Etwas.
Soweit die kritische Skizzierung des zugrunde liegenden Weltbildes und des Status quo. Wie also könnte hierzu eine konstruktive Strategie des Ausstiegs aus der Sklaverei aussehen?
Auf der abstrakten Ebene ist das System dem Menschen Feind. Die abstrakte Ebene ist die der Weltwirtschaft des Kapitals. Für den einzelnen Menschen bedeutet das den Rückzug aus der Welt des Kapitals. Sparguthaben und Aktien, alle Angebote des Kapitalmarktes zur stillen Geldvermehrung sind zurückzuziehen. Diese Kapitaleinlagen bedeuten doch ganz klar, dass andere Mächte mit diesem Kapital im Sinne der inhumanen Wirtschaft arbeiten und noch mehr Gewinn damit erwirtschaften. Sie bedeutet letztendlich, dass der eigene Arbeitsplatz unter dem allgegenwärtigen Druck zur Kapitalvermehrung immer mehr rationalisiert, ja wenn nicht sogar eines Tages wegrationalisiert wird.
Das mir nächste mögliche Verhalten ist der radikale Konsumverzicht; der Verzicht, auf Alles was nicht unbedingt zum Leben notwendig ist. Hier steht im Vordergrund der Verzicht auf den substanziellen Konsum. Persönliche Dienstleistungen, sofern sie den Dienstleister in einer humanen und würdigen Position zu bleiben erlauben, sehe ich als dieser Antistrategie förderlich. Angebote im Bereich Kunst, Kultur und Soziales sollten so belebt werden.
Ganz naheliegend ist natürlich hier auch der Rückzug von dem übertriebenen Konsum der Medien, insbesondere der Rezeption der TV-Medien. Wenn Medienrezeption, dann kritisch und reflektiert. Als erste Alternative zu den Medien bietet sich nun wieder die soziale Teilnahme, dass unter die Menschen Gehen, das Gespräch, die Meinungsbildung in der Diskussion, die Gruppenaktivität, die kreative künstlerische Betätigung, das Buch usw.
Die anspruchsvollste Verhaltensänderung ist die am Arbeitsplatz. Hier riskiert der Einzelne den Verlust und damit womöglich das Platzen der Kredite, der Verlust eines vielleicht erreichten relativen Wohlstandes. Hier ist denn auch Zivilcourage von Nöten. Wer sie hat, der kann vielleicht das folgende tun: Nimm Abschied von deiner Selbstdefinition in der übertriebenen Leistung. Du bist nicht mehr Wert als Mensch, wenn du die Arbeit von zwei oder drei Kollegen schaffst. Befriedigung finden in der Arbeit heisst, ohne Hektik und in Ruhe das richtig und gründlich zu tun, was zu tun ist.
In diesem Bereich wird von Seiten der Arbeitgeber immer mehr und immer subtiler künstlicher Leistungsdruck erzeugt. Hier muß der Mensch standhalten und sein natürliches und ihm adäquates Leistungsvermögen finden und sich nicht irritieren lassen. Hier muß der Mensch im Angesicht der offenen Überforderung gegensteuern. Wenn diese Gegensteuerung auf der Vernunftebene nicht funktioniert, dann muß er es 'krachen lassen', dann muß er das Soll unerfüllt lassen, dann muß er die Schlange vor dem Schalter eben auch bis zur Unerträglichkeit lang werden lassen können. Der Forderung nach andauernd mehr Überstundenleistung und einer Verlängerung der regulären Arbeitszeit ist natürlich ebenso eine Absage zu erteilen. Der organisierte Arbeitskampf ist natürlich, wenn möglich vorzuziehen.
Die Frage der Berufswahl ist ein weiteres Entscheidungsfeld. Niemand sollte sich in eine berufliche Tätigkeit begeben, in der absehbar ist, dass ihre Ausübung den Menschen ausbeutet, übervorteilt, betrügt und hinters Licht führt; den Menschen in seiner Natürlichkeit des Geistes entwürdigt und ihm schadet.
Diese wenigen Ansatzpunkte von Vielen praktiziert würden auch ohne Organisierung in Interessenverbänden enorme Wirkungen zeitigen. Sie würden die Regierung und die Wirtschaft zum Umlenken zwingen. Letztendlich zielt dieser passive Widerstand darauf ab, das Primat des Menschen in seinem natürlichen Geist zu befördern, letztendlich zielt er auf eine neue Weltordung der Nachhaltigkeit, des Friedens und der Brüderlichkeit hin.
Die gegenwärtige Fixierung auf ein ständig nötiges Wirtschaftswachstum ist nur darin verständlich, dass überall auf Zinsen und Kapitalvermehrung gearbeitet wird. Das Wirtschaften unter dieser Prämisse wird vermutlich kollabieren. Das kapital-materialistische Wirtschaften in seiner gegenwärtigen Form wird eine tiefe Regression erfahren. Der Mensch wird sich auf seine soliden Basiskulturleistungen besinnen müssen, das wird nicht ohne Verwerfungen möglich sein.
PS. Sie können sich natürlich auch spezialisieren. Hier werden Sie Diplom-Terrorist
Beste Grüße Alastor | 16. Dezember 2006, 22:51 Uhr | http://alastor.wortbeitrag.net/
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