WWW.WORTBEITRAG.NET  :  KOMMENTARE
WORTBEITRAG
Impressum
Hauptseite
---
Login
---
Dezember
Juli
Februar
Dezember
Februar
Januar
November
Oktober
Juni
März
Februar
Dezember
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
---
WORTBEITRAG

19. Dezember 2006, 23:15 Uhr, Epiphanius

Epiktet: Helfen ja, aber ...

... nicht um jeden Preis. Gedanken wie die folgenden dürfen dich nicht quälen: 'Ohne Ehren werde ich dahinleben und nirgends etwas gelten.' Falls das Ausbleiben von Ehren wirklich ein Unglück ist: du kannst doch durch das Wirken eines anderen ebensowenig im Unglück sein wie in Schande. Hängt es etwa von dir ab, ein Staatsamt zu erlangen oder zu einem Festmahl eingeladen zu werden? Gewiß nicht. Wieso kann dies dann noch als 'Ausbleiben von Ehren' aufgefaßt werden? Und wie kannst du 'nirgends etwas gelten', da du doch einzig in dem Bereich etwas bedeuten sollst, über den du gebietest, worin du der Bedeutenste sein darfst?
Aber deine Freunde werden so ohne Hilfe bleiben! Was meinst du mit 'ohne Hilfe'? Sie werden von dir kein Geld bekommen, und du wirst ihnen auch nicht das römische Bürgerrecht verschaffen können. Wer hat dir denn gesagt, daß dies zu den Dingen gehört, über die wir gebieten, und nicht von andern abhängt? Wer aber kann einem andern geben, was er selbst nicht hat? 'Dann verschaff dir Geld', sagt ein Freund, 'damit auch wir etwas davon haben.' Wenn ich es mir verschaffen kann, ohne dabei meine Selbstachtung, meine Verläßlichkeit und mein hochgesinntes Wesen zu verlieren, dann zeige mir den Weg, und ich werde es mir verschaffen. Wenn ihr aber von mir verlangt, daß ich diese meine Güter preisgebe, damit ihr zu Gütern kommt, die gar keine sind, so seht ihr doch selbst ein, wie ungerecht und unvernünftig ihr seid.
Was zieht ihr eigentlich vor? Geld oder einen verläßlichen und seinem Gewissen verpflichteten Freund? Verhelft mir also lieber zu diesen Eigenschaften und verlangt nicht von mir, daß ich etwas tue, wodurch ich sie gerade verlieren muß.
'Aber das Vaterland wird', so lautet ein Einwurf, 'soweit es auf mich ankommt, ohne Hilfe bleiben.' Noch einmal fragte ich: 'Hilfe welcher Art?' Säulenhallen und Badeanstalten wird es von dir nicht bekommen. Aber was hat das zu besagen? Es bekommt ja auch keine Schuhe vom Schmied und keine Waffen vom Schuster. Es genügt, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfüllt. Wenn du ihm einen Mitmenschen zu einem verläßlichen und seinem Gewissen verpflichteten Bürger heranbilden würdest, nütztest du ihm dann nichts? 'Doch.' Folglich dürftest du ihm nicht unnütz sein. 'Welche Stellung', sagt er, 'werde ich also im Staat einnehmen?' Diejenige, die du einnehmen kannst, ohne in dir den Mann der Verläßlichkeit und Selbstachtung aufzugeben. Verlierst du aber, in der Absicht, dem Staat zu helfen, diese Eigenschaften, was kannst du ihm da noch nützen, wenn du schließlich schamlos und unzuverlässig geworden bist?

Aus: Epiktet Handbüchlein der Moral

Gedanken zu Epiktet

Das Handbüchlein der Moral von Epiktet zu lesen war mir von Anfang an eine hochinteressante kleine Freude. Epiktet versteht und beschreibt sich hierin als ein Philosoph, als ein Mann des asketischen Denkens; als ein rationaler und zugleich frommer Mensch der den inneren Werten lebt und in besonderer Weise die Zuständigkeit seines Geistes von der Welt trennt.

Er sieht sein Schicksal als von einer allweisen Gottsphäre gelenkt und arbeitete darauf hin, sein Leben in Einklang mit dieser Sphäre zu führen. Dieser Einklang ist ihm die sensibilisierte Vernunft, die nur das als von seinem Streben beeinflußbar betrachtet, welches auch seinem Willen unterliegt und in keiner Weise dazu führt seinen inneren Frieden zu stören.

Hier stellen sich mir allerdings einige Fragezeichen. Seine strenge Abgrenzung der nicht von ihm beeinflußbaren und deshalb als irrelevant betrachteten Sphären läßt mich im Heute denken, diese Haltung ist eine apolitische. Diese Einstellung inkorpuriert im modernen Menschen bedeutete, er wäre vollkommen unberührt von aller Medienhysterie; er nähme daran keinerlei Anteil. Inwieweit diese Haltung noch die Nächstenliebe und das Handeln daraus zuläßt, bleibt in seinem Text unklar.

Erstaunlich finde ich die kleinen Erwähnungen seines Lebensstils als Philosoph, in denen er sich zum weltlichen Treiben in Opposition als innerweltlich abgrenzt; seine Beschreibungen erinnern mich an die Lebenshaltungen der Mystiker. Ihm fehlt die visionäre revolutionäre Vernunft des Jesus von Nazareth, er kommt ihr aber hin und wieder doch ein wenig nahe. Sein Asketentum ist auf die Formungen des Intellekt und seiner Rollen fixiert und vermißt die radikale Transzendenz desselben.

Der Mystiker involviert sich nicht in dem Wirken seines Intellekt, er trachtet danach die Gedankenwelt zur Ruhe kommen zu lassen. Da aber das Leben des Mystikers noch viel weniger im allgemeinen Bewußtsein definiert ist, ist mir diese eher volkstümliche Selbstdefinition eines klassischen Philosophen, die der des klassischen Mystikers nahe kommt, sehr begrüßt und empfohlen.


Kommentar schreiben:




! Bitte alle Felder ausfüllen. HTML wird nicht interpretiert.

Abschicken

zurück

Dezember | Juli | Februar | Dezember | Februar | Januar | November | Oktober | Juni | März | Februar | Dezember | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August |
1924 Wortbeiträge in 233 Wortstationen | RSS-Feed | Kredits | Hosted by NETZONE | © 2003 - 2004 by NETZLABOR