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10. August 2007, 17:32 Uhr, Epiphanius

Die Unendliche Seinsbegierde ...

Nachfolgend Rekapitulationen zu Texten aus dem dritten Band der 'Strukturen des Bösen' Eugen Drewermanns. Es geht hier um die exegetische wie psychoanaltische und philosophische Interpretation der jahwistischen Urgeschichte, d.h., von Genesis 3,1-11. Diese Rekapitulation entstand auf der Grundlage des dritten Bandes; Theologie, Psychoanalyse, Existenzielle Psychoanalyse und dialektische Geschichtphilosophie stehen hier im Mittelpunkt des Diskussion; nachfolgend wird diese noch um Kierkegards Verständnis erweitert.

Die Psychoanalyse, die existenzielle Psychoanalyse und die dialektische Geschichtsphilosophie beschreiben das Böse in der jahwistischen Urgeschichte in ineinander äquivalenten Strukturen die um einen zentralen Mangel gelagert sind; diesen Mangel theologisch als Verlust Gottes deutend, sind Neurose und Selbstentfremdung in der jahwistischen Urgeschichte als Erscheinungsformen des Abfalls von Gott zu verstehen. Die jahwistische Urgeschichte zerfällt in zwei Teile; der erste Teil beschreibt die Grundstrukturen des Menschseins im Abfall von Gott, der zweite Teil die Strukturen des geschichtlichen Auftretens der Menschheit im Abfall von Gott. Auch psychoanalytisch erfolgt die Entwicklung in zwei Phasen, die durch die Latenzperiode getrennt sind; in der ersten Phase werden die Grundzüge der Charakterbildung auf den vier für die Neuroselehre relevanten Stufen (Oral, anal, genital, ödipal ?) festgelegt; in der zweiten Phase erfolgt unter diesen Strukturentwicklungen die Eingliederung in die Gemeinschaft in drei charakteristischen Reifungsschritten. Das strukturelle Verständnis der jahwistischen Urgeschichte durch die existenzielle Psychoanalyse und Geschichtsphilosophie Sartres vertieft, zeigt nun nicht mehr nur kausale Ursachen, sondern den Ausdruck geistiger Einstellung und freiheitlichen Tuns.
Schon exegetisch sehen wir, daß die Erzählung von den Noah-Söhnen einem zweiten Sündenfall gleichkommt, der die gleichen Folgen hat (Nacktheit, Scham, gegenseitige Unterwerfung). Das Motiv der Kain und Abel Erzählung mit ihrem Segen und Fluch zeigt wie die Selbstbehauptung vor Gott, das Streben nach Rechtfertigung, zu dem Sadomasochismus des Verhaltens im personalen wie im politischen Bereich führt. Inhaltlich erschien eine Parallele zwischen Lamech und Nimrod, in der sich die eigene Macht in der Ohnmacht des anderen durchzusetzen sucht, der nun in eine zählbare Serialität (Sartre) verwandelt wird. Das Verlangen nach Vergöttlichung des Menschseins durch den Anderen findet sein Pendant in dem Bemühen nach Vergöttlichung der Menschheit; beides endet in der Katastrophe von Sintflut und Zerstreuung.

In der Freudschen Theorie besetzt die Libido im Prozess der psychischen Entwicklung nacheinander die Körperzonen von Mund, Anus und Vagina bzw. Phallus; dabei kommt es zu Konflikten und Abtrennungsängsten, die in der Fehlverarbeitung die Ursache bekannter Neurosen und Perversionen werden; der Ödipuskomplex und die Kastrationsangst dieses Konzeptes zeigen sich ebenfalls für patriarchalische Gesellschaften zur Interpretation der jahwistischen Urgeschichte tauglich, sie werden aber der Allgemeinheit ihrer Aussagen nicht gerecht. Die psychoanalytischen Konflikte in Gn 3-6 ergaben jedoch auch unabhängig von der Libidotheorie eine elementare Bedeutung für die menschliche Existenz.
Die Bedürfnisse der Oralität, Analität und Genitalität sind als 'obszöne Durchlöchertheit' einer unendlichen Seinsbegierde des Bewußtseins im Angesicht der Erkenntnis seiner eigenen Nichtigkeit zu verstehen. Hier werden 'biologisch-organspezifische' Bedürfnisse ins Maßlose übersteigert, aus Angst und der Flucht vor sich selbst. Diese Angst ist die Angst aus der Erfahrung des Nichts, das das Bewußtsein ist; diese Angst zwingt dazu Gott aus den Augen zu verlieren; diese Angst nimmt zu, je weiter die Entfernung von Gott wächst, bis sie ganz mit dem Dasein verschmilzt. Es ist diese Urangst, die die Wünsche: zu sein, zu besitzen, zu gelten (Oralität, Analität, Genitalität) ins Absolute steigert, endlos, maßlos, frustriert und überkompensiert.
Das zugehörige Schuldgefühl rührt jetzt nicht mehr nur aus der Ambivalenz der oralen (kannibalistischen), analen (sadistischen) und ödipalen Triebregung der psychischen Entwicklung, nicht nur von den Wertnormen der Gesellschaft die durch die Eltern introjiziert wurden, vielmehr schämt sich das Dasein nun selbst vor den anderen seiner eigenen ungerechtfertigten Nichtigkeit, auf die es ohne Gott, nur in der Relation zum Menschen, gnadenlos zurückfällt, und so zum Menschen hin schuldig werden muß. Unter der Übermacht der Angst verformt sich das Dasein zum reinen Widerspruch seiner selbst, weil es sich weder im Zirkel der Selbstheit noch im Sein-für-Andere sich selber anzuerkennen und der Entfremdung seines Seins wie Handelns in der Lage findet.


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