06. Januar 2009, 23:36 Uhr, KlatschmohnEssen gehenEssen gegangen.
Mutter, er und ich.
Kurze Fahrt durch eisiges Wintergrau.
Angekommen. Kaum Platz gefunden.
Zwischen all den Rentnern, die sich am Sonntag mal was Gutes gönnen wollten.
Wir fanden einen Platz. Den einzigst freien Tisch. Lautstärkepegel so hoch, dass man sich unmöglich unterhalten konnte. Die Mutter versuchte es dennoch. Und es war anstrengend, gegen die lautstarken Schafskopfspieler an den drei Tischen gegenüber anzukommen. Immer wieder schlugen sie mit geballter Faust auf den Tisch. Manchmal auch mehrmals hintereinander. Ich kenne die Spielregeln nicht. Wahrscheinlich ist dies ein ganz wichter Ausdruck, dieser Schlag auf den Tisch. Mich jedenfalls nervte es Und seine Mutter erklärte sofort wieder, wir müßten Schafkopfspielen lernen. Ein sooo tolles Spiel. Also wenn sie damit einmal angefangen hat, könnte sie nimmer aufhören. Ich versuchte mir, die ansonsten die absolute Ruhe suchende Frau, inmitten der Herrenrunde vorzustellen. Aber es gelang mir nicht. Prost. Der Wirt der kleinen Dorfkneipe brachte mir mein Radler, ihr ihre Weinschorle und meinem Mann sein Bier. Prost. Ich nahm einen großen Schluck und schaute an den Tisch gegenüber. Hier hockte ein fettleibiger alter Mann, der zum Atmen den Mund leicht geöffnet halten musste. Ihm gegenüber eine kleine, karge männliche Gestalt. Die Nervosität und Unsicherheit ausstrahlte. Eine seiner Hand war verkrüppelt. Ein Geburtsfehler, so erschien es ganz offensichtlich. Selten, aber dann doch, sprach der kleine Karge mit dem Fetten ihm gegenüber. Und ich merkte, dass nicht nur seine Hand in Mittleidenschaft gezogen war, sondern auch seine Sprachfähigkeit. Ich verstand jedenfalls kein Wort. Und auch der Dicke, ihm gegenüber, tat sich schwer. Prost. Ich nahm noch ein Schluck. Konnte meinen Blick aber nicht von dem seltsamen, nervösen, dürren Mann mit Krüppelhand wenden. Ich fragte mich (autsch, wie unanständig) ob er jemals Sex in seinem Leben gehabt habe. Irgendwann einmal. Vor Jahren. Aktuell sicher nicht. Dann würde er nicht so verschüchtert wirken. Nein, auf keinem Fall. Eher war der Dicke ihm gegenüber sein Vater. Dessen Frau verstorben ist und der nun, in einem alten, bruchreifen Bauernhaus, mit seinem Sohn allein lebt. Sohn mit Krüppelhand. Zu den beiden gesellten sich zwei Frauen. Beide im Alter des Dicken, und damit weit aus älter, als die kargere Gestalt, die aber auch schon Falten und einige graue Haare trug. Eine der Frauen hockte sich neben ihn, trank sogar aus seinem Weißbierglas. Sie kannten sich. Ganz eindeutig - die kannten sich. Ihre Körperhaltung signalisierte eindeutig Distanz. Seine hingegen zaghafte Zuneigung.
Die andere Frau hatte sich neben den Dicken gesellt. Der inzwischen sein Hirschbraten in großen Stücken aß.
Am anderen Tisch unterhielten sich eine Gruppe von Frauen und Männern um die Sechzig über ihre Urlaube im Erzgebirge. 'Erinnerst du dich noch an den Dackel?'
'Nee, Elfriede, dat war doch ein Schäferhund!'
'Quatsch, kein Schäferhund. Ein Dackel, mit ganz krummen Beinen!'
Der Mann reagierte nicht. Seine Antwort - ein Schweigen.
Und die Frau fuhr fort, mit ihrer Urlaubserzählung längst vergangener Jahre. Der Mann schwieg weiter. Und die anderen aßen. Still und schmatzend. 'Und da will mir jemand erzählen, dass Hunde intelligent sind!' belächelte sie das arme Tier zum Schluss, das vielleicht schon gar nicht mehr auf dem Erdball lebt. So alt wie die Geschichte war, die die Frau erzählte. Und so wenig der Mann sich noch entsann, ob es sich um einen Dackel oder um einen Schäferhund handelt.
Am anderen Nachbartisch kristallisierte sich die weniger geschminkte Frau der beiden Frauen als Frau des Dickens. Nicht etwa, weil irgendeine zärtliche Geste zwischen den beiden zu sehen war. Nein, er posaunte nur zu der munter plappernden Bekannten, am Tisch der Sechzigjährigen, dass er nun mal eine Frau hätte, die fahren könnte. Endlich eine, die fahren könnte und die er nicht durch die Landschaft chauffieren müsse. Und prost. Mit seinen Worten nahm er einen großen Zug aus seinem Bierglas. Die Frau an seiner Seite lächelte schüchtern.
Der nervöse Karge von deren, mit Krüppelhand, war inzwischen aufgestanden und unterhielt sich mit der Kellnerin. Die an der Theke lehnte. Und sichtlich alles lieber tat, als sich jetzt zuschwatzen zu lassen. Ihr Gesicht war von ihm abgewandt, während er redete.
Der Wirt, wahrscheinlich ihr Mann, brachte endlich unser Essen. Hirschbraten. Wunderbar mürbe und lecker. 'Guten Appetit', meinte er, mit schielenden, offensichtlich ebenfalls von Geburt aus beschädigten Blick, und verschwand wieder. Prost. Ich nahm einen Schluck vom zweiten Radler. Genoss das Essen. Konnte meine Augen aber nicht von dem Kargen, irgendwie extrem gruslig wirkenden Mann lassen. Der hatte noch nie Sex. Diese Überzeugung huschte durch mein Hirn. Warum auch immer ich gerade jetzt daran denken musste, stellte ich mir weiter vor, wo er seine Befriedigung holt. Sicher, ja ganz sicher, hat er noch irgendeine perverse Neigung. Autsch - sehen so gar Vergewaltiger aus.
'Beim Fritz um die Ecke, da ist der Friedhof, wo die Hunde begraben werden', schallte vom Tisch der Sechzigjährigen rüber. Die Frau, die vorhin die Urlaubserzählung vom besten gab und ganz sicher war, dass es sich um einen krummbeinigen Dackel und nicht um einen deutschen Schäferhund handelt, blabberte munter weiter. Während ihre Begleiter weiter aßen. 'Dort werden die großen Hunde beerdigt!'
Ach so, und wo die Kleinen? Sind nicht gerade die Kleinen diese, die einsamen alten Leuten in leeren Stunden Kinder und Partner erstetzen? Diese, die vermenschlicht werden und nach ihren Tod ihr eigenes Grab, anstatt die Schwender zu erwarten haben?
Ich ging dem Gedanken nicht weiter auf dem Grund. Einigte mich darauf, dass auf diesem Friedhof große und KLEINE Hunde beerdigt werden und aß meinen leckeren Hirschbraten mit Preiselbeeren weiter.
Bis zum süßen Ende.
Nach dem Essen fuhren wir. Mein Liebster ließ seine Mutter und mich am Waldesrand raus. So dass diese und ich eine Stunde lang durch die kaltgraue Winterlandschaft, bergauf- und bergab stapfen konnten. Tat dem Gemüt, aber sicherlich auch unseren übersättigten Körpern gut.
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