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WORTBEITRAG

06. Januar 2009, 23:42 Uhr, Klatschmohn

Heimfahrt und Einsamkeit

„Nimm dir was zu Essen mit“, meinte seine Mutter am Nachmittag. „Brot, ich habe welches aufgetaut.“
„Danke, das ist lieb von dir!“
„Wann fährst du denn?“
„So gegen fünf habe ich gedacht!“
„Meinst du, dass das nicht zu spät wird? Die Temperaturen dann wieder anziehen?“
Tatsächlich fuhr ich halb fünf los. Und hatte, zu ihrer Enttäuschung, nichts zu Essen mitgenommen. Ist doch nur ein Abend, dachte ich mir, gesättigt wie ich nach dem reichhaltigen Mittagstisch noch war.
„Ist schon schwer der Abschied“, stellte die Mutter fest, als ich beim Gehen ihn in den Arm nahm, der seine Tränen nicht zu verbergen vermochte. „So lang am Stück warst du ja noch nie bei uns gewesen!“
Ich nickte. Umarmte auch sie. Bedankte mich für die schöne Zeit. Ein Dankeschön, dass ihr ein herzliches Lächeln auf die Lippen zauberte.
Meine dicke, blaue Reisetasche stellte ich vor die Haustür. Ich wollte sie nicht durch den engen Hinterausgang quetschen. Lieber dann von hinten nach vorn laufen, und sie von den Treppenstufen vor der Hautür abholen.
Mit ihm ging ich hinaus in den Hof. Der Abschied sollte doch etwas bleiben, was nur uns beide etwas angeht. Nur ihn und mich. Vor allem dann, wenn Tränen im Spiel sind. Ich befreite geschäftig das Auto von der dicken Schneedecke, während er mir ein paar Getränke zusammenräumte. Die mich mitnehmen sollte. Für die Fahrt und für danach. Ich räumte sie in das Auto. Auf die Rücksitzbank. Nicht leicht, denn auf dieser lagen bereits meine Tasche, Jacke, Daunenweste und einiges mehr und versperrten den Platz. Ich streckte mich und reckte mich, schnaufend. Dann umarmte ich meinen fröstelnden Schatz. Beide versuchten wir uns zu sagen: „Es sind ja nur zwei Tage!“ Nur zwei Tage, genau! „Bitte, bitte fahr vorsichtig“, seufzte er zum Abschied.
Dann stieg ich in das Auto, das noch immer mit Schnee bedeckt war. Aus der verschneiten Hofausfahrt hinaus, auf die Straße, vorbei an der dicken, blauen Reisetasche und bog die Straße Richtung Ortsmitte ab, denn ich musste ja noch tanken.
Ich fuhr. Es war glatt. Das erste, was mir auffiel war die Tatsache, dass es glatt war. Diese Tatsache zog die meine komplette Konzentration auf sich und weit weg von der vergessenen, dicken, blauen Reisetasche. Auf der Autobahn, so versuchte ich mich zu beruhigen, wie ich es vorher auch schon mit der Mutter und ihrem Sohn tag, würde sicher kein Schnee oder Eis liegen. Sicher ist diese trocken und gut zu befahren.
Ich fuhr.
Fuhr auf die Autobahn. Nur die Seitenstreifen waren gefroren, ansonsten war der Asphalt, wie von mir erhofft, trocken. Ich legte das Hörspiel ein, dass ich mir in Saalfeld gekauft und bisher noch nicht gehört habe. Hape Kerkeling erzählte mit seiner beruhigenden Stimme eine spannende und extrem lustige Geschichte, der ich meine Aufmerksamkeit schenkte, während ich über die Straße duselte.
Da! Stau. Kurz vor einer Baustelle. Sicher, sicher, sicher – eine Baustelle. Da ist ja auch schon das Baustellenschild. Was gibt der Blödmann hinter mir denn ständig Lichthupe. Arschloch blödes, fluchte ich innerlich. Bis zu dem Moment, in sich vor der Nase des Courgas ein Auto auftat. Welches auf den Rücken lag und alle Vier von sich streckte. Ich bremste. Bremste rechtzeitig, bekam einen herzhaften Schreck. Auf der Straße klitzerte das Eis. Hier, die einzige Stelle auf der kompletten Tour, die ich heute gefahren bin, die dick überfroren war. Und diese Stelle hat der kleine PKW erwischt, ist ins Schleudern gekommen und hat sich überschlagen. Es muss kurz, ganz kurz vor mir gewesen sein. Der Stau, in den ich mich begeben hatte, hielt schließlich nicht länger als eine Minute an. Das Fahrzeug lag auf der Mittelspur der dreispurigen Autobahn.
Menschen am Fahrbandrand. Die sich die neongelben Warnwesten angezogen hatten und emsig telefonierten. Ein zweites Fahrzeug war hinter ihnen zum Halten gekommen und hatte sich offensichtlich um die Passagiere des Unfallfahrzeugs gekümmert, so dass ich, wie all die anderen Autobahnteilnehmer, weiterfahren konnte.
Hape interessierte mich gerade nicht mehr. Das Bild hing in meinem Schädel und marterte sich in mein Hirn. Schrecklich. Wie schnell DAS passieren kann….
Kaum hatte ich den Anblick verdaut, obgleich nicht vergessen, überlegte ich mir: Hey, mein Hund heute so ruhig. Werde den doch nicht vergessen haben?! Nee, natürlich nicht. Schmunzeln! Wie könnte ich das. Aber, aber, aber … wenn nicht den … da fehlt doch was … die blaue Reisetasche. Mit sämtlichen, zum Großteil inzwischen wieder gereinigten Klamotten, die ich für zwei Wochen Reise eingepackt hatte. Na prima. Eilig fingerte ich im Dunkeln des Autos nach dem Handy. Irgendwo in meiner überfüllten Handtasche musste es sein. Und war es auch. Ein verpasster Anruf. Von meinem Liebsten. Wahrscheinlich hatte die dicke, blaue, vereinsamte Reisetasche Angst gehabt, sich eine Erkältung wegzuholen und an der Haustür geschellt. Er, mein Held, hat sie sicherlich ins Trockene gebracht.
Ich rief ihn an. Und ja, das hatte er. Er hatte sie gerettet. Mehr noch, mit dem Auto war er mir bis zur Tankstelle gefolgt, wollte sie mir hinterherfahren. Aber hatte mich verpasste. Tja, der langsame Astra kommt nun mal nicht gegen den PS-starken Courga an. Das ist mir ja auch klar. Aber habe ich jetzt was zum Anziehen. Diese Frage beschäftigte mich, während mir er liebevoll ins Ohr säuselte: „Brauchst dir keine Sorgen machen. Ich habe sie. Ist alles okay!“
Und wie ich mir Sorgen machte. Seine Mutter hatte das doch sicherlich auch mitbekommen. „Ja, aber sorge dich nicht. Ist doch halb so wild!“
Doch, es ist wild. Was denkt die denn jetzt, nach dem verlorenengegangenen Portemonaise, das sich erst nach Tagen auf dubiose Art und Weise wiederfand, nach der Tatsache, dass ich Wäsche-Trockner übervoll stopfe und nun auch noch arme, dicke Reisetaschen einfach aussetze, was für ein maßloses Schussel ich bin.
Ich mich noch in meinen Sorgen schwelgend, hatte kein Ohr für ihn, der mir erzählte, dass er diesen einen Kumpel getroffen habe. Ihn auf Wohnng ansprach. Und der eine wüsste. Zwei sogar. Große. Stehen leer. Schon seit langen.
„Was denkt nur deine Mutter“, jaulte ich.
„Ich habe ihm gesagt, die müssen wir uns unbedingt mal anschauen!“
Ah ja.

Ich fuhr. Die Straßen waren trocken. Hape erzählte munter seine immer spannend werdendere Geschichte und stellte die vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten des Hörspiels mit vielen unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen dar. Ich liebe Hape. Hatte ich das eigentlich schon mal gesagt?
Ich fuhr. Irgendwann begann der Knopf meiner Hose ein bisschen zu drücken. Irgendwann begann der Knopf meiner Hose böse zu kneifen. Dämliche Weihnachtsfresserei. Dieser Gedanke löste in meinem Magen hingegen nur ein Gefühl aus. Das Gefühl des Hungers. Und ich dumme Pute habe den gutgemeinten Ratschlag der Mutter abgelehnt, und eben nichts zu Essen mit auf Reisen genommen. Wat nu? Der Knopf biss in mein Bauch, meine Blase meldete sich inzwischen mit: „Ich muss mal!“ Und mein Magen, der hatte nur eins im Kopf: „Essen.“
Anhalten. An einer Tankstelle. Kurz vor Augsburg.
Vor mir parkte eine rostige Schrottlaube. Die nur die vielen bunten Aufkleber zusammenhielt, die an Seite und Hintern des Fahrzeugs klebten.
Aber dafür ein unvergesslich witziges Nummerschild hatte. ES für die Stadt. Danach EL. Lustig. Ist doch wirklich witzig, was manche aus Stadt- und Buchstabenkombination für lustige Worte schaffen. Heißt zusammen nämlich ES-EL. Und so sah das Ding auch aus. Aus diesem Auto stieg zeitgleich mit mir eine graue Gestalt aus. Gut ein Kopf kleiner als ich. Dick. Kurze rotbraune Haare. Grauer, nichtssagender Schlapperpullover, dunkle Jeans und hässlich, spitze Cowboystiefel. Ein Typ. Erst, als dieser Typ den Weg Richtung Damentoilette einschlug, stellte ich fest, dass es sich um eine O-beinige Frau handelte, die im Gegensatz zu mir die fünfzig Cent hatte, die der Automat wünschte, um freien Einlass zu den Sanitäranlagen der Rastanlage zu gewähren. Ich hatte nur einen Euro. Und der Typ, der die ganze Zeit vor der Schranke stand und diese missmutig anstarrte, hatte wohl nicht mal diese. 'Kein Wechselgeld', grinste der profitgeile Automat. Sollte ich jetzt den Euro reinstecken, nur damit ich mal pinkeln kann?! Nö, entschied ich mutig und kletterte gelenkig, unter den Blicken des starrenden Mannes, über die Schranke. Na also, geht doch. Gerade in diesem Augenblick öffnete sich die Toilettentür. Die Dicke mit dem Autokennzeichen ES-EL warf mir einen dumpfen Blick zu, als würde sie ahnen, dass ich in meinen Gedanken ein paar kleine Späßchen über sie gerissen habe. Ich übernahm die Toilettentür, schloss sie hinter mir ab und erledigte mein Geschäft.
Eine Tür weiter, das Rasthaus. Überteuertes Käsebrötchen (das hast`e nun davon, hättest mal auf Muttern gehört!) eigenhändig abgeschmeckt mit zwei, kostenlosen Tütchenketchup (na, da ist da Geld doch fast schon wieder drin!).
Fuhr ich los. Jonglierte das Brötchen zwischen Hand und Mund, um ja nichts von dem Ketchup (hätte ein Tütchen nicht gereicht???) auf meine Hose zu kleckern. War ich mir doch nicht mehr sicher, wie viele Sachen überhaupt noch in meinem Kleiderschrank zu Hause, und nicht in der dicken, blauen, vernachlässigten Reisetasche in Alzenau stecken.
Aber alles paletti, mir gelang dieses Meisterstück NICHT zu kleckern. Dankbar hörte auch der Hosenknopf auf zu Beisen.


Inzwischen daheim. Ein Einwegglas voll Zigarettenkippen erinnert genauso, wie das noch immer zerwühlte Bett im Schlafzimmer, daran, dass ich zuletzt hier mit ihm gewesen bin.
Habe ich bis jetzt munter in die Tasten geklopft, und mich dadurch hervorragend abgelenkt, breitet sich nun Leere und Einsamkeit aus.
Und ich beginne ihn schmerzlichst zu vermissen.

Ich greife zum Telefonhörer, will ihn wenigstens hören … wenn schon nicht fühlen ...


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