13. Januar 2009, 20:50 Uhr, Klatschmohn„Ich werde mich outen!“Caroline lauscht in den kleinen Flur hinein. Niemand zu hören. Die Kinder sitzen vor dem Fernseher. Michael ist kurz rüber zum Nachbarn, ein Bierchen trinken. In gut einer halben Stunde wird er zurück sein. Diesen Moment möchte sie nutzen, um umgestört zu telefonieren. Sie wählt die Nummer ihrer besten Freundin Manuela. Es klingelt dreimal, dann meldet sich eine verschlafene Frauenstimme:
„Ja?“
„Manu?“
„Caro!“
„Kann ich kurz mir dir sprechen!“
„Aber immer doch, Süße – das weißt du!“ Manuela ist sofort hellwach und sofort im Gespräch mit ihrer Seelenverwandten.
„Ich habe mich entschlossen!“
„Zu was?“
„Ich werde mich outen!“
Ein kleiner Moment des Schweigens. Dann ein erschrecktes „WAS?“
„Ja, es ist an der Zeit. Ich kann mein Leben nicht mehr leben, als würde ich in diese kleine, gutbürgerliche Familie gehören und als würde ich in meinem ganzen Leben nix anderes mehr sein wollen, als Mutter zweier Kinder und Schwester meines Gattens!“
„Du willst offiziell machen, dass du auf Frauen stehst?!“
„Ja, ich will sagen, dass ich lesbisch bin. Ich kann mit Männern nicht. Nicht mehr. Nie mehr!“
Ihre Stimme wird deutlich lauter, als sie ihre Überzeugung ausspricht: „Und auch Michael gegenüber ist es einfach nur noch unfair, ihm etwas vorzuspielen, dass nicht mehr stimmt!“
„Was ist mit Laura?“ fragt Manuela, ahnend, dass diese unerwiderte Liebe der Auslöser fürs geplante Coming-Out ist, von dem sie erst alles hören möchte, bevor sie es beurteilt.
„Ich liebe sie. Das kann sie und das kann die ganze Welt wissen. Auch wenn ich damit leben muss, dass sie mich nicht will!“
„Du willst dich nicht etwa outen, in der Hoffnung, sie doch noch…?“
„Nein“, unterbricht Caroline ihre Freundin entschieden. „Nein, ganz und gar nicht. Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Vorm Wochenende und nach dem Wochenende. Ich habe in den Nächten echt Scheiße geträumt. Und mich immer wieder gefragt, woher das kommt. Und ich kam immer mehr auf den Punkt, dass ich etwas ändern muss!“
„Weil du schlecht träumst?“
„Nein, weil ich bemerke, dass mein Innerstes sich schon die ganze Zeit gegen mein jetziges Leben sträubt. Nach und nach ausbrach und nun einfach seinen Platz einfordert.“ Sie redet sich in erregte Leidenschaft und vergisst darüber zu schauen, ob gar jemand von ihrer Familie die Treppen zu ihr hinauf ins Schlafzimmer kommt. Aber es kommt keiner. Es bleibt still um sie herum, während sie Manuela ihre aktuelle Entscheidung bekannt gibt.
„Ich bin lesbisch und ich will endlich diese Leidenschaft leben. Ich bin lesbisch, und ich will endlich eine Partnerin an meiner Seite wissen. Jemand, mit dem ich alt werden kann. Auch wenn es Laura nicht ist!“ Sie schluckt. Und dann bittet sie: „Hilf mir, lass mich nicht hängen, ja?!“
„Natürlich nicht, Süße. Überleg es dir gut. Aber ich stehe, bei allem was du tust, hinter dir. Das weißt du.“
„Danke“, haucht sie ins das Telefon, während zur gleichen Zeit ihre weinende Tochter die Treppen hinauf zu ihr rennt: „Mami, Mami …der Tobi hat mich gehauen!“
„Ich muss Schluss machen. Die Kinder!“
„Ja, ist okay, Süße. Meld dich einfach, ja?!“
„Ja. Danke. Ich habe dich lieb!“
„Ich dich auch!“
„MAMI…!“ kreischt es im Treppenhaus.
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