WWW.WORTBEITRAG.NET  :  KOMMENTARE
WORTBEITRAG
Impressum
Hauptseite
---
Login
---
Dezember
Juli
Februar
Dezember
Februar
Januar
November
Oktober
Juni
März
Februar
Dezember
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
Juli
Juni
Mai
April
März
Februar
Januar
Dezember
November
Oktober
September
August
---
WORTBEITRAG

17. April 2004, 16:30 Uhr, Johannes

Interview andersrum

»Es würde mir nicht im Traum in den Sinn kommen, eine Liste der sieben schönsten, zur Zeit lebenden Männer zu machen«, sagte ich, etwas gereizt ob der dummen Frage und dem fordernden Blick dieses Beinahe-Journalisten. Dass Schwulen-Magazine ihresgleichen auf Reportage schicken, kann ich verstehen, doch dürfte dies zwischenzeitlich nicht mehr das einzige Kriterium sein.
»Leben Sie in einer Beziehung?«, war seine nächste Frage, und irgendwie bildete ich mir ein, dass er diese nicht seinen Notizen entnommen hatte.
»Ja, in mehreren«, antwortete ich.
»Sie gehen also fremd?«
»Nein.«
»Das heisst, die Beziehungen wissen voneinander?«
»Beziehungen sind Zustände, in der Regel ohne Bewusstsein.«
»Ich meine natürlich die daran Beteiligten..«, er, etwas empört.
»Zum Teil, wieso?«
»Ich stelle hier die Fragen«, entgegnete er mit ernster Miene, um alsbald in ungehalten doofes Gekicher loszubrechen, »...aus einem Film....hihi...pff... das habe ich aus einem Film«, speichelte er über den Tisch, es war eklig, wie immer wenn Sprüche aus schlechten Filmen zitiert und als lustig empfunden werden.
»Sie frönen also der Bigamie?«, wollte er wissen, wie er sich einigermassen erholt hatte.
»Nein.«
»Aber sie sagten doch eben, sie leben in mehreren Beziehungen.«
»Ja. Private, geschäftliche, freundschaftliche....«
»Aha«, atmete er auf.
»...sexuelle...«
»Mehrere?«
»Hören Sie mal«, es wurde mir zu blöd, »wir haben uns hier getroffen, um über diesen Film zu sprechen, dessen Drehbuch ich schrieb. Unter diesem Gesichtspunkt: Wie viel Gewicht gedenken meinen sexuellen Aktivitäten zu geben?«
»Wissen Sie«, erklärte er mir in ernstem Ton, nachdem er sich, so gut es ging mit seinem etwas zu kurzen Oberkörper, auf dem Stuhl gross gemacht hatte und sein Brüstchen leicht schwellen liess, »wir sind ein Schwulen-Magazin...«, er hielt inne und sein Blick war getränkt mit dieser explosiven Mischung aus Überheblichkeit, eines sich in gutem Recht handelnd fühlenden Menschen, und der Genugtuung, erbaut auf den Eingeständnissen von Fehlverhalten gegenüber Artgleichen, wie man es von Künstlern oder Juden kennt.
»Ja?«, ich verzichtete des Stils wegen auf das 'und'.
Er ignorierte beides, und stellte unbeirrt, doch aber etwas beleidigt, fest: »Ich frage, was unsere Leser wissen möchten.«
»Ihre Leser wollen wissen, ob ich mehrere sexuelle Beziehungen pflege?«, fasste ich zusammen.
»Nicht nur, natürlich, aber auch, ja. Der Lebensstil ist in schwulen Kreisen ein grosses Thema.«
»Nun gut, ich lebe etwa fünf feste sexuelle Beziehungen«, begann ich, »die unregelmässigen nicht eingerechnet. Ich mache es gerne mit jungen Männern oder älteren Frauen, oder auch beidem, was allerdings eher selten vorkommt...«
Sein Gesicht wurde lang: »Fünf feste sexuelle Beziehungen? Wie muss ich mir das vorstellen?«
»Wie sie wollen.«
»Ja, aber eine Beziehung ist doch nur dann fest, wenn sie zwischen zwei Partnern stattfindet«, rief er.
»Dann streichen Sie das 'feste' aus ihren Notizen.«
»Ich habe mir noch keine Notizen gemacht.«
»Eben.«
»Es tut mir leid, so etwas können wir unseren Lesern nicht zumuten«, erklärte er mir und legte den Stift, den er bis anhin dazu verwendet hatte, im Ohr zu kratzen und nervös drauf herum zu kauen, parallel zum langstieligen Löffel seines schwulen Latte-Macchiato auf den Tisch.
»Wie Sie wollen.«
»Wissen sie, wir werden von konservativen Kreisen – ja, auch solche gibt es in der schwulen Community - immer wieder kritisiert, wir würden ein Bild des schwulen Lebensstils propagieren, das in der Realität seinesgleichen sucht.«
Dieser Satz war wohl an einer Redaktionssitzungen gefallen, jedenfalls konnte er unmöglich von ihm sein, ja, hätte er ihn nicht so treffend platziert, hätte ich sogar bezweifeln müssen, dass er den Inhalt, wessen er eben von sich gab, verstanden hatte.
»Wie gesagt: wie sie wollen.«
»Kommen wir zu Ihrem Film», sagte er endlich und seine erste Frage dazu hörte sich vorbereitet an:
»Die Hauptrolle, der knapp 20 jähriger Star-Geiger eines grossen Symphonie-Orchesters, lebt eine schwule Beziehung, was zwar klar ersichtlich, jedoch nicht als ungewöhnlich thematisiert wird, warum nicht?«
»In der Hauptrolle des Films 'Himmelblau' spielt Marc Pelta den verwirrten, ungefähr 45 jährigen Poeten 'Erwin', der durch eine Erbschaft finanziell unabhängig wurde und aufgrund des darauf folgenden Zustands, fern jeder festen Struktur, den Boden unter den Füssen verliert. Der Geiger, von dem Sie sprechen ist eine kleine, wenn auch nicht unbedeutende Nebenrolle, und ja, lebt mit einem Mann zusammen, was nicht als ungewöhnlich thematisiert wird, weil es nichts Ungewöhnliches ist. Abgesehen davon bleibt offen, ob die beiden ein Paar sind.«
»Nichts Ungewöhnliches?«, er, erstaunt.
»Was ist daran ungewöhnlich, wenn ein Mann mit einem Mann zusammenlebt?«
»Nun ja, ich finde das spannend«, er, etwas konsterniert.
»Das glaube ich Ihnen gerne.«
»Was soll das heissen?«
»Sie sind vom 'Magazin für den homosexuellen Mann' und fragen, was ihre Leser wissen möchten.«
»Achso, ja...«


die suche nach einem nachfolger von loriot wäre somit beendet.

NiN | 18. April 2004, 14:41 Uhr | -


Kommentar schreiben:




! Bitte alle Felder ausfüllen. HTML wird nicht interpretiert.

Abschicken

zurück

Dezember | Juli | Februar | Dezember | Februar | Januar | November | Oktober | Juni | März | Februar | Dezember | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August | Juli | Juni | Mai | April | März | Februar | Januar | Dezember | November | Oktober | September | August |
1924 Wortbeiträge in 233 Wortstationen | RSS-Feed | Kredits | Hosted by NETZONE | © 2003 - 2004 by NETZLABOR