05. Juli 2004, 12:05 Uhr, HannesTreffen mit Leander T.Ich lernte Leander T. nicht kennen.
Wir trafen uns in der U-Bahn-Station, nachdem wir seit Monaten jeden Mittwoch im gleichen Club verbracht hatten. Ich sah ihn durch diesen Glaskasten hindurch, in dem früher wohl die U-Bahnhofvorsteher saßen und ihre Durchsagen machten. Er schaute sich die am Kiosk ausliegenden Zeitschriften an.
Ohne Probleme hätte ich, wäre ich zu diesem Zeitpunkt in die einfahrende U-Bahn gestiegen, mein damaliges mittelmäßiges und eher ereignisloses Leben weiterführen können. Doch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihn einmal von Nahem im unbarmherzigen Neonlicht zu sehen.
Bisher kannte ich ihn ja nur von besagtem Club. Dort herrschte schummriges, makelkaschierendes Licht, von dem ich im Nachhinein sogar glaube, dass es leicht rötlich war.
Ich ging also in seine Richtung, langsam, schlendernd, mein Herz raste. Ich wollte so nahe an ihn herankommen, um ihn riechen zu können.
Als ich eine Weile gedankenverloren hinter im gestanden war, drehte er sich um. Ich sah den kleinen Leberfleck an der linken Seite seines Kinns. Er schaute in meine Augen.
Er umrundete mich wortlos. Ich blieb stehen, suchte nach Ausflüchten für die bevorstehende Verbalkonfrontation. Er lächelte und ging in Richtung Ausgang.
Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm folgen sollte. Hatte ich mich nicht lächerlich genug gemacht?
Er blieb stehen und blickte zurück.
Ich rannte los, nahm den anderen Ausgang und schnappte nach Frischluft. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand Leander T. und winkte mir zu.
Ich überquerte die Straße.
Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her und als wir an eine Brücke kamen, blickten wir gemeinsam ins Wasser.
„Da, wo ich geboren bin, gibt es auch einen Fluss.“ sagte er. „Als Kind konnte ich stundenlang ins Wasser schauen und meinen Gedanken nachhängen.“
Seine Augen glitzerten.
Es fuhren ununterbrochen Autos an uns vorbei, doch ich hörte nichts außer dem Rauschen des Flusses.
„Das ist wie mit den Muscheln“, sagte ich, „die man sich ans Ohr hält, und man hört nur ein Rauschen. Man glaubt, das sei das Meer.“
Besodner der Vergleich der Strasse mti dem Fluss gefällt mir. Ich suche immer nach solchen Bildern. :) Siliziumherz Autor | 05. Juli 2004, 12:26 Uhr | http://blog.pirotesse.de
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