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24. Juli 2005, 04:26 Uhr, bluewaterDer Zug ist längst abgefahren13:54 Uhr. S1. Gleis 1. Freiburg nach Thun. Die Zeit scheint schnell zu laufen. Wie immer.
14:00 Uhr. Erster Halt. Eigentlich 13:58. Es ist ruhig hier. Ich mochte diese Ruhe an diesem Ort. Ausserdem schien die Zeit hier immer langsamer zu laufen. Ich schaue aus dem Zugfenster; ein Gebäude aus naher Ferne sticht in mein Auge. Lauter Betonblöcke, abgetrennt von braunen Ziegel. Es ist eine Schule.
Der Zug fährt weiter.
Ich kannte mal einen Jungen. Er war in der Klasse von nebenan. Er verkörperte für mich die Stille. Denn er sprach mit niemandem. Er schwieg. Er stand immer alleine herum. Oft waren seine Augen ins Leere gerichtet. Er sagte nichts, und er machte nichts. Schrieb Bestnoten. Ausser Vortrag halten. Das konnte er gar nicht. „Hoffnungsloser Fall“, meinten die Lehrer. Und man machte sich über ihn lustig. Alle machten sich über ihn lustig. Immer. Nicht etwa über sein Schweigen. Nein. Über ihn.
An einem Tag, während einer Pause:
Ich (mit einem Croissant) Hallo.
Er Hallo.
Ich Was machst denn so?
Er Nichts.
Ich kaue mein Croissant.
Ich (mit vollem Mund) Stimmt es, dass dein Lehrer der Herr C. ist?
Er Ja.
Ich Muss ja cool sein, einen Vater als Lehrer zu haben. Da kann man ihn alles fragen, wenn man mal bei Hausaufgaben nicht weiter kommt.
Er Stimmt.
Ich beisse noch ein Stück ab.
Ich Schönes Wetter heute, nicht?
Er Ja.
Ich schaue auf meine Uhr.
Ich Sag mal, magst du deine Klasse eigentlich?
Er Hmm.
Ich Wie bitte?
Er Ja.
Ich Versteh ich nicht.
Er Die Klasse.
Ich Du magst sie?
Er Ich denk schon.
Ich (mein Croissant längst verschlungen) Aha.
Es läutet. Ende der Pause
Das sollte unser letztes Gespräch sein. Später machte ich meinen Schulabschluss, kam ins Collège und zog später in die andere Stadt. Ich hatte ihn nie mehr gesehen. Ich erfuhr später, dass man ihn in eine Sonderschule gesteckt hat. Ich hätte mich doch gerne noch einmal mit ihm unterhalten.
Ein anderer Tag:
18:10 Uhr. S3. Bern. Ab nach Hause.
18:40 Uhr. Freiburg. Ich steige aus. Und plötzlich steigt jemand weiter hinten raus. Ich erspähe ihn.
Er ist es.
Hinterlaufen? Ansprechen? Reden? Das Schweigen brechen? Ist es meine Aufgabe? Bin ich dazu bestimmt? – Hallo / Kennst du mich noch / Ich bin der Schoi / Lange nicht mehr gesehen / Wie gehts / Wie lebt es sich / Was machst du / Wohnst du immer noch in B. / Ich bin im letzten Jahr / Du auch / Mann, das wird hart / – Er verschwindet in der Menschenmenge. Ohne das Schweigen gebrochen zu haben.
Ich schaue aufs Bahngleis.
Der Zug ist längst abgefahren.
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