30. September 2003, 13:10 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums III»Du«, sagte er am dritten Tag.
Ich schaute aus dem Fenster neben ihm. Die Sonnenstrahlen brachen sich durch den Schmutz.
»Du weißt bestimmt, dass es nicht wirklich schneit. Es sind Pollen oder so etwas.«
Ich wusste, dass er etwas anderes sagen wollte. Offensichtlich, dass mich die Situation ankotzte. Sein Körper blieb verdeckt.
Er war kein Geschenk, er war die Büchse der Pandora. Ich war im Begriff, sie zu öffnen.
Der Kühlschrank roch, wie Kühlschränke riechen: Widerwärtig. Ich legte meine Hand ins Eisfach und wartete.
Meine Hand auf seiner Stirn küsste ihn schließlich gesund.
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30. September 2003, 11:50 Uhr, demianWann wir lügenIch spiele eine Rolle, ob ich mich wohl fühle darin, fragt er, ich schweige. Dass dies jeder tue, sei eine billige Rechtfertigung, es störe ihn und ich solle mich wieder auf mich selbst besinnen.
Ich bin es mir gewohnt. Es war schon immer eine Gabe von ihm, mir in Kürze meinen Seelenfrieden zu rauben und nicht selten hatte ich dabei das Gefühl, es bereite ihm Spass; so auch jetzt. Aber heute bin ich stärker.
Ob ich mich noch erinnere an meine Idee, dass die Lüge der Grund sei für das kümmerliche Wahrnehmen von uns Menschen. Ob denn dieses Rollenspiel nicht auch eine Lüge sei, bohrt er weiter, ich schweige immer noch. Diese Rhetorik, schrecklich, aber ich stimme ihm mit einem Lächeln zu.
Wer mag es schon, wenn die eigenen Theorien gegen einen verwendet werden? Wollen wir uns doch damit freier und nicht befangen machen. Ich mag es jedenfalls nicht, und ich neige in solchen Momenten jeweils dazu, mich als missverstanden zu erklären.
Doch er kommt mir zuvor: Wenn ein Mensch lächle, obwohl ihm zum Weinen zumute sei, lüge er.
Jetzt nervt er.
Nein, sage ich, es könne auch als Unvermögen verstanden werden. Derjenige möchte zwar weinen, kann aber nicht und lächelt deshalb. Wohl spielen wir eine Rolle, doch haben wir sie nicht entworfen, entwerfen sie erst recht nicht in jedem Augenblick neu. Nicht die Rolle ist unsere Lüge, sondern der Glaube an das Spielen als buntes Ausgestalten.
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30. September 2003, 09:53 Uhr, JohannesSonnentagWieder kitzelt mich die Sonne aus dem Schlaf, zart aber bestimmt und ich weiss nicht, ob ich ihr dafür dankbar sein soll, habe ich mir doch gestern fest vorgenommen, für immer zu schlafen.
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26. September 2003, 21:47 Uhr, arjunadepressionwehe, wenn es dunkel wird
schatten von hinten alles überzieh'n...
ein dunkler stern aus ferner galaxie
mit schwarzen strahlen
alle freude, alles glück verschlingt...
wenn die nacht dein augenlicht verdunkelt,
düsterer gedankenstrom
sich durch deine bange seele frisst...
dann wird es kalt in deinem herzen,
ein frösteln streichelt deine haut...
du stehst auf einer klippe
felsen, tiefe, grauer ozean...
wenn es nacht wird,
schatten alles heile niederwalzen,
gnadenlos und stumm...
gesichter werden blass,
kinderaugen fahl...
verstörter sinne dumpfer ton
monoton das klanggebilde
düsterer stimmen...
keine farbe mehr, nur grau,
selbst der letzte sonnenstrahl...
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26. September 2003, 19:02 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums IIUnser nächstes Treffen war ein Treffer. Vorher kam der Schuss, natürlich in die Sehne, man kennt das aus der Antike. Armor war es nicht, und ich war nicht gewappnet, wie denn auch, vom Meer in die Schutzlosigkeit...
Wir waren verwirrt, wir blendeten aus und waren geblendet von Dingen, die wir gern getan hätten, wenn nicht der Hinterkopf im Hinterhalt lauerte, der uns die Schritte diktierte: Nichts überstürzen. Oder doch: gerade alles überstürzen. Meine Hand um seinen Hals.
Im Fallenlassen halte ich einen Fallenden. Das geht schief. Das ging gut. Wir fanden umeinander ineinander verwirkt die Zeit.
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25. September 2003, 10:23 Uhr, JohannesEiner dererNein, natürlich habe er dem Gerücht keine Beachtung geschenkt, sagt er und schweigt. Er lügt und weiss, dass ich es weiss. Er hat es herumgetragen, das Gerücht, wie der Bäcker die warmen Brötchen; wie man das so tut mit Dingen, von denen man nicht genau weiss und die deshalb so unheimlich viel spannender sind als das eigene Leben.
Ja, sag ich ihm, ich weiss. Und er weiss, dass ich lüge. Wozu die Wahrheit für ihn, der sie nicht hören will? Ich wisse, versichere ich ihm, dass ich ihm vertrauen könne, er sei mein Freund. Als solcher wird's ihm nun doch etwas peinlich. Er sei schon überrascht gewesen, gibt er nun zu, zuerst, als er es vernommen habe. Aber er wisse ja, dass ich nicht so einer sei.
Doch, genau so einer sei ich, sag ich und er grinst, weil er weiss, dass ich lüge, doch diesmal irrt er. Ich lüge nicht, ich bin tatsächlich so einer, einer derer, wenn nicht noch schlimmer und ich erzähle ihm. Doch jetzt, da er es von mir hört, glaubt er es nicht. Er glaub nicht mehr, was er selber in aller Munde trug. Er glaubt die Wahrheit nicht, weil sie, plötzlich so wahr geworden, noch langweiliger ist als sein eigenes Leben.
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24. September 2003, 19:04 Uhr, makreleVon Swingerpaaren und PACE-FahnenIm Frühherbst, also wenige Meter hinter dem Sommer, schalte ich gerne mal den Fernseher ein. Ich suche die Fernbedienung, finde sie Stunden später auch schon, hat sich wieder in der Kühltruhe versteckt, die feige Sau. Ich ergreife sie, die Fernbedienung, denn ich will mich jetzt weiterbilden. Ich will einen FilmFilm sehen. Früher, so erzählen die Alten im Dorf, habe man so was noch Spielfilm genannt. Ha, ihr Alten! Früher hat man auch noch gekegelt, nicht gebowlt und Sirup verlieh noch keine Flügel. Begreift doch endlich, dass sich die Menschheit rasant und in hohem Grade weiterentwickelt! Ihr seid für den Frieden auf die Tramgeleise gesessen? Ich bitte euch: Wir hängen eine zehnfränkige PACE-Fahne unters Fenster, ehe wir uns Nike-Turnschuhe kaufen gehen. Das nenne ich Protest! Ihr habt auf der Strasse Unterschriften gesammelt gegen die Kernenergie? Wir schalten unseren Laptop ein und lassen unseren Namen via Auto-Fill ins Sammel-E-Mail klatschen. Das ist Widerstand! Das ist Aufruhr! Deshalb, liebe Alten da draussen, kommt mir jetzt nicht mit Spielfilm – das ist für Nostalgiker. Die scharfsinnigen Denker in den TV-Programm-Büros habens erkannt: Wir brauchen stärkere Drogen. Und weil die Menschen vom Fernsehen, zum Beispiel Richterin Barbara Salesch, viel näher an der Wahrheit dran sind, will ich das bedingungslos glauben.
Ein FilmFilm ist für mich gerade gut genug. Eigentlich bevorzuge ich ja einen «Giga-Film-der-Woche» oder ein «Movie-Event des Monats». Am meisten stimuliert mich eine «absolute Free-TV-Premiere». Fehlts an einem solchen «Megahappening», bekomme ich Schweissausbrüche. Nervös zappe ich mich durch die Kanäle. Verdammt. Nun da sie mich angefixt haben, können sie mich doch nicht hängen lassen, die Leute vom Fernsehen. Tun sie nicht, denn sie wissen, wonach ich verlange. Ich brauche Führung, ich will etwas lernen fürs Leben. Mir wird geholfen: Bei Lilo Wanders erfahre ich, dass ich mich nicht schämen muss, wenn ich mir eine Gasmaske überstreife, gleichzeitig die Genitalien pierce und dazu mit übergewichtigen Paaren (Günter und Hannelore, Axel und Jessica) in der Sauna rumswinge. Und dank Stefan Raab lerne ich an diesem lehrreichen Abend, dass wir uns heutzutage über alles lustig machen dürfen nur nicht über ihn selber. Deshalb will ich Stefan Raab ausdrücklich nicht als selbstgefälligen Kindskopf mit Nussknacker-Grinsen bezeichnen, zumal das Richterin Barbara Salesch gar nicht goutieren würde und mich Bärbel Schäfer umgehend in ihre Sendung einladen müsste. Thema: «Ich bin 12, schwanger, und habe einen Freund der aussieht wie die Achselschweissflecken von Stefan Raab.» Apropos Schweiss. Meine Fernbedienung hat sich wieder in die Kühltruhe gelegt, gleich neben die PACE-Fahne. Ich habe mich entschieden, sie dafür nicht zu bestrafen. Die Glotze schalte ich aus – ohne Fernbedienung kann ich nicht von diesem öden ARTE-Dokumentarfilm über Kriegsgefangene in einem bosnischen KZ wegzappen.
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22. September 2003, 18:25 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums ISex. Das war es.
Er enthemmt mich bis zum Bersten. Reibungsloser Sex führt zu einem reibungslosen Leben, so einfach und so unverständlich funktioniert es. Ich will das nicht denken. Ich will gar nichts denken, kein Gewissen haben, rational, rational fließt die Welt an mir vorbei. Die ultima ratio: Ein erschöpfter Körper. Nur einschlafen und seinen Atem spüren.
Bleiben ist unmöglich.
Die erste S-Bahn fährt um vier.
Der Besoffene fragt, ob er mir eine Zigarette abkaufen kann. Ich habe keine. Zuviel geraucht in den letzten Tagen.
White Russian hilft. Ich kaure mich aufs Sofa. Schlaf reinigt.
Morgen werde ich eine Entscheidung treffen.
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22. September 2003, 14:03 Uhr, arjunaseptemberund immer wieder
diese neuen tage...
der sturz
ins bodenlose,
zur hölle,
in die welt?
morgen geht es weiter,
wie laub
durch die strassen
peitscht der wind.
und der regen
ertränkt meine seele
in der dunkelheit
meiner gefühle...
noch immer sonne,
noch immer leben,
noch immer wärme,
noch immer mehr...
doch schönheit
verblasst
und auch dieser
sommer,
wie immer,
im herbst, im september,
sinkst du zur erde,
zurück in dein grab...
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20. September 2003, 11:06 Uhr, JohannesPaulGestern Abend sass Paul auf der Bank meiner Tram-Station. Er ist immer, wenn er da sitzt, betrunken und fragt mich für gewöhnlich nach einer Zigarette, damit ich mich zu ihn setzte und er mir erzählen kann: 'Wenn eine dreispurige Autobahn sich in zwei zweispurige teilt, dann wird die Spur, die zuvor Mitte war, für die rechte zur linken und für die linke zur rechten...', und weiter: '...dann bedeutet Leben, sich und seinen Geist verhuren, um anzuschaffen oder auch nur um auszuhalten, in der steten Angst, zu verlieren, was mal Wohlstand war, ohne den wir uns bereits heute zu nahe sind.'
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15. September 2003, 16:36 Uhr, JohannesDamals, dortVorwurfsvoll schaut er mich an, schweigt erst und zischt dann, also sei auch er nur einer gewesen, einer derer, die nur für das gut genug waren, was er verächtlich 'Onenightstand' nennt. Seine Hand baumelt am Handgelenk des aufgestützten Unterarmes, was mir noch bei niemandem so aufgesetzt aufgefallen ist wie an ihm jetzt. Dazu sein über den Tisch vorgebeugter Oberkörper, als wolle er mir etwas zuflüstern. Lächerlich.
Stille und seine Erwartung einer Reaktion von mir. Alles was ich jetzt sage, wird gegen mich verwendet, man kennt das. Ich entscheide mich für Kratzen am Kopf, tu es aber nicht, sondern frage: 'Wie war nochmal dein Name?'.
Der Vorwurf weicht der Entrüstung. Ein dummer Arsch sei ich, ruft er laut, schnellt hoch, nein, nicht um zu gehen, er müsse nur kurz aufs Klo. Ich solle mich gefälligst nicht von der Stelle rühren, er sei noch nicht fertig, sagt er, weniger zu mir als zu den anderen Gästen im Cafe. Odeon - der Name passt nicht zu den gelben Schirmen. Dann stolziert er davon wie er es wohl für den Laufsteg gelernt hat. Einen netten Arsch hat er ja.
Grinsen um mich, dort ein Kichern, ich montiere meine Sonnenbrille, der Kellner stellt seinen Stuhl wieder auf und an unsern Tisch. Ich bestelle nichts.
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14. September 2003, 10:50 Uhr, JohannesDer Schaukelstuhl der SeeleWieder sagt er so etwas aus seinem Innersten heraus, ohne damit angeben oder recht haben zu wollen und eigentlich nur, weil ich ihn danach gefragt habe. Nicht die geringste Spur von Unsicherheit in seinen Augen während er spricht und doch keinerlei Anspruch an Unterwerfung meinerseits, keine Dominanz, kein Drängen auf Zustimmung. Seine Überzeugung für was er sagt, als würde er aus einer göttlichen Instanz schöpfen, und gleichzeitig diese Offenheit zur Diskussion ist es, wofür ich ihn bewundere, was er hasst - selbstlos wie er schon immer war.
Er warnt mich vor Kritiklosigkeit, wie er meine Hingabe meinen Augen abgelesen hat. Ich wisse doch, kritiklose Bewunderung sei der Schaukelstuhl der Seele, sei die Geistlosigkeit der Gläubigen, sei nicht aller Laster Anfang sondern Laster an und für sich. Sagt's und grinst mit zugekniffenen Augen in die Sonne.
Zugegeben, ich verstehe nicht ganz, bin mir aber wieder einmal einen Moment lang zu stolz, um nachzufragen, was mir noch peinlicher ist.
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13. September 2003, 18:46 Uhr, JohannesUnd weiter geht'sEr verliebt sich jede Woche von neuem. Manchmal erneut, öfters in einen Neuen und ausnahmnslos unglücklich. Manchmal folgt darauf eine gute Freundschaft, meistens sagt er dem nur so. Streit gibt es immer dann, wenn auch Sex war; es gehe dann um Lüge und Betrug, Sex sei etwas Handfestes, ein Beweis fast schon - wofür auch immer.
Nun sitzt er mir wieder gegenüber und erzählt mir von diesem Martin, so, wie er es von Thomas, Dirk, Henrik, Paul, Janos und damals vermutlich auch von mir getan hatte. Mit diesem Feuer in den Augen und seiner, vor Erregung bebender Stimme. Wüsste ich es nicht, ich würde nicht ahnen, dass er in ein paar Tagen wieder trinken wird, um erneut ein eigenwillig gewordenes Traumbild zu ersäufen.
Ich empfinde ihn nicht als einsam, auch wenn er dem so sagt dann, eher unvollständig, suchend - wie mich auch immer wieder.
Unterwegs-Sein hat viele Gesichter.
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13. September 2003, 14:30 Uhr, HannesAugenringeDie Ränder unter den Augen reflektieren die schräg einfallende Sonnenstrahlung. Regenbögen kleiner Tropfen verwandeln sich in Seifenblasen, lösen sich, verformen sich unter dem großen Druck der Umgebungsluft.
Intimgeruch... Und immer versalzen nass. Schweißperlen drücken sich durch die Poren der kalten Stirn, rollen in die warmen Augenbrauen. Die Lider geschlossen – es flimmert rot, brennt. Nie wird es ruhiger sein als jetzt. Leise: Ein Atmen, bemüht, nicht zu stören, nicht zu ächzen, dadurch gepresst, man kann es doch hören. Es zischt durch die Luft, saugt die tanzenden Staubkörner zu sich. Die Lippen sind heiß, gerötet. Wer will sie wirklich küssen? Eine Zigarette dampft im Aschenbecher vor sich hin.
Die Vorhänge... Das Gesicht wird grün oder blau, die dunklen Augenringe, schwarzes Haar wallt über die schmalen Schultern. In der Ecke eine Stehlampe mit Dimmer. Der Strauß Narzissen blüht leuchtend; er strahlt den Spiegel ganz gelb.
Diese krampfigen Hände pressen sich gegen die kalte Kaffeetasse, fühlen immer wieder die kleine Unebenheit.
Wir erwarten Nacht.
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Auszug aus unsIch sei unsicher beim rauchen, sagt sie und zündet sich eine Zigarette an. Ich schaue zur Decke, suche die Wahrheit. Weiss sei mir immer schon gut gestanden und ob es meiner Mutter wieder besser gehe, fragt mich ihr Mund, ihr Gesicht spiegelt sich in meinem. Es ist still. Das Restaurant ist leer für seine Fülle. Menschen bauen oft zu gross. Warum ich mich nicht mehr daran erinnere und warum ich heute so schweigsam sei, muss ich noch ertragen. Es sei schön gewesen sie zu sehen, finde ich. Wir zahlen, bleiben sitzen, weitere Momente lang, manchmal ist es schwer Schluss zu machen. Nur damals war es das nicht. Meine Gedanken schweifen: An diesem Platz wir uns geküsst, an diesem Bahnhof wir uns getrennt, in diesem Leben wir uns verloren haben.
Merker kommt rein, motzt, im Raum füllt sich die Fülle mit Gestank. Merker arbeitet. Mit dem TGV sei er gefahren, direkt ins grosse Paris, dort flanierte er da und dort und danach heim, wieder mit dem TGV. Vom Zürcher Hauptbahnhof dann zurück nach St. Gallen und mit dem Postauto weiter nach Gossau, sei er und dem Buschauffeur habe er auch von Paris erzählt, genau wie ihnen dreien, damals 1978. Und jetzt würde er ihnen einen zahlen, was er auch täte, hätte er Geld.
Nuras Gesicht lächelt, wir hören den drei Saufkumpanen zu, besser als beim Reden zu Schweigen. Meinen Grossen wolle ich der kleinen Welt zeigen, entschuldige ich mich Richtung Toilette und beim pinkeln denke ich noch, es so zu sagen sei ein wenig offensiv und beim Blick nach unten glatt gelogen. Wir hätten zwar schon bezahlt, aber ob ich trotzdem noch etwas wolle, fragt sie mich nach dem Abtröpfeln und Hände waschen.
Ich wolle nichts was sie mir geben könne und damit ist alles aus.
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11. September 2003, 00:13 Uhr, billablütenstaubEnde Nacht
du wachst auf
in anderen
Armen
sie waren draussen
auf der Wiese
voller Blüten
Staub an ihnen
schlaftrunken
begreifst du kaum
schaust sie an
berührst sie dann
sie sind kalt
und keine Pore atmet mehr
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05. September 2003, 14:45 Uhr, moutonDer Herbst beschleicht mich.Heute morgen hats nach Herbst gerochen. Still und leise hat die Sonne aufgehört zu quälen. Nun beschützt und wärmt sie mich. Der Herbst will mit mir Spazierengehen. Durch den Wald. In Blätterhaufen renne. Lachen. Kerzen. Kochen. Springen und Singen. Nach dem oberflächlichen Sommer kommt endlich mein Unterbewusstsein wieder zurück zu mir. Ich möchte Liebesgedichte schreiben.
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StillgelebtWie stillgelebt wir doch geworden sind, das laute Schreien hat uns leise gemacht, weil wir in den Ohren der anderen nichts mehr zu sagen haben. Wir sind Banker, Schwangere, Hornusser. Wir erschaffen die Kunst mit Unwirklichkeit, sind pausenlos auf der Suche nach dem Kontext, steigen lieber nicht auf’s Dach dafür einmal mehr ins Internet. Wir fahren ans Meer, weil das Meer nicht zu uns fährt, sind schöner mit Gel im Haar, interessanter, weil wir nicht hinsehen. Wir hören in den Nachrichten was wir von der Welt nicht wissen, erwürgen uns mit dem kürzen unserer Tage, verwischen unsere innere Ruhe mit Drang für Stall und Ausritt. Wir sind Zürcher, Bieler, Hinwiler. Wir versuchen schwierig zu sein, zu lügen, die Wahrheit war früher. Wir nehmen Wohnungen, Drogen, mit Musik hört sich alles besser an. Wir sind stille Hasen, arme Schweine. Wir steigen auf Bühnen, verschieben Mittelpunkte, setzen neue Sitzreihen, damit die Nähe nicht so schmerzt. Wir fliegen heim, grinsen uns durch Passkontrollen, haben nicht einmal mehr unsere Seele zu verzollen. Wir sind Gian, Ursula, Wannenmacher. Wir investieren für den Morgen, sterben noch heute Nacht. Wir essen Salsa mit Paprika, Joghurt mit Senf. Kurz waren wir glücklich und schon sind wir wieder nur ein wenig zufriedener.
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