30. Oktober 2003, 20:24 Uhr, JohannesVor NeulandUnd so sass er am Tisch und schaute dem Wanken im Becher zu, den sie ihm im Vorbeigehen auf den Tisch geschoben hatte. Das Ziel, sein Ziel, wurde blasser, strauchelte, stürzte kraftlos und er übergab sich, weil in ihm langsam, unaufhaltsam, unerträglich die Ahnung wurde, dass selbst was er davon geglaubt hatte, im Grunde gelogen war.
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29. Oktober 2003, 22:21 Uhr, billaEs war.In dem Moment.
Durchbrannte es mich.
Es war rein.
Ungreifbar.
Klar.
Es war.
Als wir über den Steg gingen, auf einmal stehen blieben, unsere Augen sich trafen und dann ineinander lagen.
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28. Oktober 2003, 23:32 Uhr, sturmtaucherSeelentropfenWährend ich meine Augen schließe
merke ich, das sich eine Träne löst,
sich langsam ihren Weg bahnt,
langsam an meiner Wange herunterläuft,
ihren Weg benetzt und zugleich
für die übrigen, die noch kommen werden,
um ihr zu folgen, ihren Weg zu fließen,
den zuvor schon eine genommen hatte.
Ich spüre sie meine Lippe berühren,meine Zunge streichelt sie von ihr,
schmeckt, das Salz des Meeres,
aus einem Tropfen,
schmeckt, das Blut das durch mich fließt,
durch mein Herz das irgendwo noch schlägt,
obwoh ich nicht weiß, was es noch trägt.
Eine Träne ist
ein salziger Tropfen Blut,
der Seele,
die aus einer Wunde kommt,
die langsam verheilt, vernarbt,
nur um wieder aufzubrechen,
Tränen zu lassen die Fallen oder
vom Handrücken einfach nur wieder unbekümmert
weggewischt werden.
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27. Oktober 2003, 19:10 Uhr, JohannesHimmelblauWenn es Frühling wird und das Eis schmilzt im Dorfbach und weggespült wird, wenn die Felder und Bäume wieder grün, die Blumenbeete bunt werden, wenn die Vögel wiederkehren und die ersten Igel durch den Garten huschen, wenn es Frühling wird, sagst du, dann wirst du mich lieben und du weisst, dass ich warten werde.
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27. Oktober 2003, 15:29 Uhr, rolphliebe?angst, nackte angst. trauer und furcht vermischen sich. der geist tritt in den körper über, zittern und kälte. eisig und doch heiss wie flüssiges glas. die möglichkeit zu sehen schwindet, nebel kriecht durch alle ritzen des gehirns. denken wird zur unmöglichkeit, die dinge scheinen nicht länger betrachtenswert – ich werde zum stummen beobachter. ich sehe mich liegen, am boden. ich sehe mich weinen. ich sehe mich im spiegel und denke, bin ich das? bin ich so? mir scheint als ob meine seele zu entweichen drängt. raus aus diesem körper, raus aus dieser stunde. die sekunden brennen sich ein, jede einzelne. unbarmherzig und unerbittlich brennen sich die sekunden in mein gehirn ein. sie sind nur mehr stücke von leben, fratzen, unbrauchbare einzelteile.
ich stehe nackt da. ausgezogen, bin ausgezogen worden. man hat mir die kleider mit einem ruck vom leibe gerissen. die augen der welt betrachten mich, ich kann sie überall fühlen. ich laufe nackt durch die strasse, ob es alle merken? ob sie es trotz meines lächelns bemerken? ich habe angst davor, in meiner einsamkeit bemerkt zu werden.
bin ich etwa zu weit gegangen. war es der freude zuviel. durfte ich nicht davon kosten? ist es mir nicht vergönnt, sicher zu sein. mich fallenzulassen und fallenzulassen?
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27. Oktober 2003, 10:38 Uhr, moutonStell dir vor...'Stell dir vor, mein Lieber. Es ist, als würden alle Sterne leuchten. Als wäre eine ganze Stadt ganz sanft und lieb. Folge deinem Herzen und tu das, was dein innerer Schweinehund lieber lassen würde' Er sprachs und fand sich alleine in seiner Wohnung, die Stadt belabernd und träumend.
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25. Oktober 2003, 14:14 Uhr, rolphlicht ohne umrissein flackern. kaum lange genug um es zu bemerken. kein blitz, ein lichtstreifen eher. ausblicke wagend, möglichkeiten erkennend. das leben erkennend, den wahren grund erahnend.
diese schwere die dem nebel gleich auf dem herz liegt. wenn sie sich auflöst ist es bereits schon wieder abend. und doch. manchmal seh ich den boden, ganz klar und unverhüllt. die feuchte kühle erde, die ganze wahrheit. jenseits von nebel und sonne. kein sonnenstrahl kann sie erhellen, keine wolke ihr das licht nehmen. sie ist. die wahrheit die erde. kühl und warm liegt sie da. mich zu tragen. -mich tragen lassen.
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24. Oktober 2003, 22:43 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums VISpäter begegnete mir Marion. Ich mochte ihre Stimme. Wir gingen zu ihr nach Hause und buken Waffeln. Waffeln mit Kirschen. Wir lagen in Marions Bett und bewarfen uns mit Worten. Manchmal musste einer von uns lachen, nie wir beide. Ich nahm Marion in den Arm. Sie schluckte.
Zum Frühstück blieb ich nicht.
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24. Oktober 2003, 21:43 Uhr, JohannesMeine gemeinsame WeltWir malten uns unsere Welt auf ein Stück Pappkarton. Das Bild hängt noch, mittlerweile etwas schief, aber immer noch da, wo du es aufgehängt hast. Die Sonne hat den Farben die Fülle genommen, nicht aber den Formen die Zärtlichkeit und wenn ich es ansehe, spüre ich noch immer deine Wärme.
Ich sehe es heute anders, dieses Stück Welt auf diesem Pappkarton, und schon oft fragte ich mich, wie du es wohl gesehen hast, damals, als unsere Welt noch eine war.
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24. Oktober 2003, 16:24 Uhr, rolphneulich mit bachich dachte mir - was hab ich mir dabei gedacht. keine drei minuten und ich bin weg. ich folge den tönen rauf und runter, den wundervollen stimmen. ich bin ewig zu spät, unfähig die ganzheit des werkes zu erfahren. zu wissen was vorher ist, was ist, was nachher ist. ich kanns nicht zusammenfügen, es wird nicht eins.
- plötzlich werde ich eins. urplötzlich muss ich nicht mehr denken,
nur füreine kurze sekunde, dann bin ich wieder hier. und doch noch dort. bach ist in mir drin. diese reinen, sphärischen klanggebilde. klang. nachklang.
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23. Oktober 2003, 19:23 Uhr, JohannesHerbstblattDinge ändern sich manchmal kommt von irgendwo etwas weiter vorne blitzt ein Licht am Horizont wird es finster. Dunkle Wolken ziehen auf Vorrat hast auch du Liebe getankt diesen Sommer vergesse ich kaum verschieden sind wir uns.
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23. Oktober 2003, 19:18 Uhr, JohannesPaul IIIIch bin nicht überrascht, wie ich an der Ecke Charing Cross Road und Oxford Street Paul stehen seh, um die Schulter ein Megaphon gehängt, durch welches seine Stimme mit dem Lärm der belebten Strassen mitzuhalten vermag.
«Look at your faces! No one of you is happy!», scheppert er und noch etwas, das ich nicht verstehe. Ich drück mich mit meinen vollen Einkaufstaschen wieder in Richtung Treppe zur U-Bahn, doch schon erblickt er mich, hält inne und kommt auf mich zumarschiert. Er hält mich am Arm fest, so, dass es weh tut, und brüllt mich durch sein Megaphon an: «Is he a sinner or is he a winner? Where do you think you gonna find the eyes to see, when your heart is not open? Tell me, my friend, are you happy?»
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23. Oktober 2003, 00:12 Uhr, sturmtaucherIm Kaffeehaus gestern um vierDer Geiger streicht sein Largo während die Frau am Flügel spielt
Du sitzt mir gegenüber und trinkst Deinen Kaffee
Deine Augen streichen über mich und während Du sprichst ertrinkt alles im Dunst des Sprachrauschen der anderen.
Doch was zwischen uns ist, ist eine Melody die alles übertönt
Jeder Lidschlag scheint die Zeit anzuhalten. Eine Sternschnuppe die nicht vom Himmel fällt.
Das einzige was fällt, das bin ich. Nicht mal hoch dosierte Space-Brownies konnten so was starkes in mir auslösen.
Und für den Rausch in dem ich schwebe gibt es auch kein Gegengift.
Wie ein Raumgleiter schwebst Du mir über den Tisch entgegen und meine Füsse berühren den Boden schon lange nicht mehr. Und wo ich mich auch hinbewege, da bist Du. In nächster Nähe und fernster Ferne. Unsere Hände schmelzen auf der Tischplatte ineinander.
Langsam lösen sich die Menschen um uns und die Wände in Rauch auf und dahinter ist die tiefe des Raums. Und wir fliegen vorbei an Spiralnebeln und gleissenden Quasaren. Und auf einer intergalaktischen Wolke schwebt uns ein Mann in einem schwarzen Anzug entgegen. Um uns zu vermählen? Oder will er uns den Weg weisen? Er streckt uns ein weisses Papier entgegen.
Und wie beim Urknall falle ich auf meinen Stuhl zurück alls er uns die Rechnung präsentiert für zwei Espressos und ein Stück Sachertorte.
In dieses Kaffeehaus geh ich nie mehr.
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20. Oktober 2003, 00:30 Uhr, megDer DirigentBis heute habe ich nie verstanden, welche unendliche Kunst, welche Ästetik im Dirigieren liegt. Ein sicherer Führer mit starker Hand, aber menschlich, leidenschaftlich. Keine Maschine, kein System kann ihm das gleichtun. Stolz und selbstsicher steht er auf seinem kleinen Podest, umgeben von der Meute. Alle laut, übermächtig, einige aufgeregt, vielleicht überfordert, ängstlich. Aber er steht da, unermüdlich und gänzlich ruhig, bringt schweigend Ordnung in das Chaos mit nichts anderem als seinen eigenen Händen und der Autorität, die er sich durch seine Laufbahn erarbeitet hat. Um ihn sonore Klänge, dazwischen ein Aufheulen, ein schriller Pfiff vielleicht, klein und verschwindend leise dagegen das geistlose Plappern aus dem Publikum der Schaulustigen. Elegant gleiten seine Hände durch die Luft, leichte Bewegungen kontrollieren die Massen. Was man doch alles über das Leben und seine Kunst lernen kann, wenn man mit dem Auto in der Schlange steht und dem Polizisten zusieht, wie er sein Tagwerk verrichtet.
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17. Oktober 2003, 17:04 Uhr, rolphconrad lebtdas ist nur eine vereinfachte darstellung des lebens.
die vereinfachte darstellung eines tages. nur ein tag.
kaum einen tag lang hatte es geregnet. und schon glichen die wiesen den seen. das grün der gräser, gräser die sich nicht länger mehr im wind sondern in wellen wiegten. eine scheinbar neue welt tat sich auf. das glitzern wirkte schon sehr echt, fast wie das glitzern eines sees. flüssiges leben, denkt sich conrad. ist das leben da draussen, ist es nötig, dass ich aufstehe? es macht keinen unterschied, das leben ist hier drin wie überall. hier, in mir. was muss ich tun um zu fühlen wie ich lebe, wie fühlt sich leben an? warum hat mir das niemand gezeigt wie man sich fühlen kann. musik. das ist es. wenn ich mich darin verlieren könnte, wäre das dann leben? wenn ich die töne fühle ist mir, als ob ich getragen würde. ist das leben, getragen sein? ach was, so einfach kann es nicht sein.
man sagt, das leben ist überall. in stinkenden haufen, besonders da. alles lebt, fliegt, kriecht und riecht. tausende von leben, tausend leben. fortpflanzung, sterben - ist leben sterben. fühlt man wenigstens das sterben? wenn man doch aber das sterben fühlt, dann muss man das leben auch gefühlt haben, sonst würde man das sterben nicht wahrnehmen. das ist ein beweis. conrad lehnt sich zurück. es tut so gut sich zurückzulehnen.
beklemmend, nicht wahr? conrad ist allein. er ist sich gewohnt nichts zu hören ausser sich selbst, redend, denkend.
diese entspannung, ist sie nicht beklemmend? conrad denkt sich nichts dabei.
seine gedanken kreisen um das nichts, um nichts. es ist anstrengend zu denken, noch anstrengender ist das nicht-denken. das leben ist anstrengend. conrad gibt sich mühe sich nicht diesem gedanken hinzugenben. er scheitert. wie regen prasseln diese gedanken auf ihn ein.
kraft zum aufstehen, kraft zum sitzen bleiben, kraft zum denken, kraft zum nichtdenken. woher nehme ich alle diese kraft, kraft schöpfen braucht kraft. conrad füllt sich, sein kopf füllt sich. wie die wiesen sich füllen.
aber man sagt, das leben ist geschenkt. das leben ist. sein bedeutet leben. man kann nicht nicht leben. man lebt so oder so. conrad verfällt der resignation.
man sagt, leben sei in allem. und alles lebt. und niemand lebt allein, das leben verbindet, das leben ist die verbindung. sinngebend leben. sich dem leben hingeben, sich in seinen dienst stellen. ist diese erkenntnis nicht erleichternd? conrad leert sich. der nebel lichtet sich. conrad lebt.
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16. Oktober 2003, 00:02 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums VEs regnet. Du sitzt unter einem Sonnenschirm im Schleusenkrug. Wir schauen uns in die Augen. Ich gehe weiter, will nicht die Illusion zerstören, die nach meinem Willen dich zum dem macht, der du nie sein kannst.
Weiter. Auf dem Brückengeländer sitzen wartende Männer. Sie sind das, was sie sein sollen. Wir tun das, was wir tun müssen.
Im Schleusenkrug hat sich nichts verändert, außer, dass dir jetzt ein Ich gegenüber sitzt.
Er hat mich nicht umgehauen, damals. Wir tranken Milchkaffee unter dem Sonnenschirm. Dann sind wir nach drinnen gegangen. Wir rauchten. Er redete viel, während ich versuchte, die Züge seines Gesichts zu ordnen.
Dann eine Weile durch den Tiergarten. Von der Siegessäule hätte es uns fast heruntergeweht. Wir hätten Blätter sein können, vom Wind über die Stadt getragen.
In der Abendsonne war seine Haut golden. Und dennoch: Unser Abschied war unverbindlich. Kein Kuss, keine Telefonnummer. Dafür einen Namen: Malte.
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14. Oktober 2003, 23:19 Uhr, megFreundlichkeitenAllein die Vorstellung davon, wie es mich an diese Hochzeit verschlagen hat, ist grauenhaft. Mehr guter als freier Wille hat mich in diese Situation gebracht. Ausser meiner Begleitung, die mich wiederum als solche zu diesem freudigen Ereignis verschleppt hat, kenne ich niemanden und mich kennt niemand. Das Wetter ist genau so schwammig grau und unbestimmt wie die allzwecktaugliche Dekoration der Kirche. Vorne am Altar stehen zwei junge Männer in geliehenen Anzügen. Beide sind nervös und fühlen sich sichtlich unwohl. Ein Hochzeitsmarsch kommt von der monströsen Orgelanlage, langsam, ewig langsam, die Blumenkinder trödeln obenrein. Die Braut erscheint, eine junge Brünette mit nur leicht schiefen Zähnen. Sie erinnert mich irgendwarum an Erstversuche mit angereichertem Uran. Brautschleier sind leider aus der Mode gekommen. Ich frage mich, welcher der beiden Anzüge gedenkt, die Strahlende zu ehelichen. Endlich schreitet diese nun weit ab vom Takt der Orgelklänge den Mittelgang entlang. Blütenblätter pflastern ihren Weg zum Künftigen genau so wie gute Vorsätze angeblich den zur Hölle. Jetzt offenbart sich mir auch der bärtigere Mann als Bräutigam. Beide lächeln. Auch der altersschwache Geistliche lächelt, beginnt dann kaum hörbar über die Liebe, die Ehe, die Treue und dergleichen zu lamtentieren. Hin und wieder muss er sich in seinem Sermon unterbrechen, ein Husten, dann ein Kauchen, tapfer liest er weiter. Er ist seinem Schöpfer schon sehr nahe. Alles hat irgendwann ein Ende, auch wenn es lange auf sich warten lässt. Alles ist gesagt, der Segen ausgesprochen, das Paar vermählt, bis dass der Tod oder ein Standesbeamter sie scheidet. Alles verläuft erwartungsgemäss, wie gehabt. Die Kollegen vom Schützenverein stehen Spalier, man bewirft die Eheleute mit rohen Lebensmitteln, vornemlich mit Reis. Ab und an ein verrotztes Taschentuch dazwischen, kann passieren im Taumel der Gefühle. Die Hochzeitsgesellschaft kommt darauf in einem grossen Saal zu Speise und Trank zusammen. Der Brautvater hat einen Montagebetrieb mit sechsundfünfzig Angestellten und sponsert grosszügig, setzt es von den Steuern ab. Ich sitze an einem Tisch mit lauter alten Leuten. Die Männer tragen unter ihren Sonntagsjacketts allesamt hellblaue oder weisse Hemden mit gestreiften Kravatten. Ich möchte schreien. Die Damen tragen bunte Kostüme mit Blusen und Faltenröcken, darauf ausnahmslos Punkte oder Blümchen. Perlenketten und überdimensionierte Broschen hängen an den massigen Leibern. Zwischen den Riemen der Sandalen quillen die Krampfadern hervor. Ich möchte weglaufen. Meine Begleitung hält meine Hand unter der weissen Tischdecke. Wir verstehen uns. Wir bleiben sitzen, tauschen höfliche Nichtigkeiten aus. Die Zeit vergeht langsam. Man zwingt sich zur Konversation. Sie bleibt flach. Man fragt uns nach dem Verwandtschaftsgrad zum Brautpaar, wir erklären die Freundschaft meiner Begleitung zur Braut. Man fragt nach unserem Verwandtschaftsgrad zueinander - Brüder? Cousins? - wir erklären unsere Liebe. Man verstummt. Als das Schweigen mühselig wird, bricht man mit den alten Vorurteilen und zwingt sich zum Sprung über den Schatten. In so hohem Alter kann das leicht im Genickbruch enden. Es gelingt notgedrungen. Die Uhren scheinen immer langsamer zu ticken. Geistreicher werden allenfalls die Getränke, das Gespräch bleibt belanglos. Es ist eine Qual, ein Martyrium aus Höflichkeit.
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14. Oktober 2003, 11:59 Uhr, arjunaduwoher diese trauer?
woher dieses leid?
verwüstung in deinen tiefen...
entbehrung und hunger,
freiheit und liebe...
du mit deiner fassade,
dem lächeln
für jedermann,
ein nettes wort!
und niemand
und keiner,
nur du selbst
hast
die erde
auf dem grund
deiner seele
niedergebrannt!
doch deine augen
ihr trauriger blick,
selbst wenn sie lächeln...
verloren im nirgendwo
und
in gefangen
im labyrinth
des unendlichen kosmos
deiner eigenen kraft...
deine augen
sie sind spiegel
und verraten
als projektion
deine tiefe, deine tiefe,
deine abgründe,
verlorene welt...
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13. Oktober 2003, 12:55 Uhr, JohannesIch mit mirEs war erst kurz Tag, noch hing der Mond als helle Scheibe im Morgengrauen, Tau lag auf dem Fensterdach. Ich ging nochmals zurück ins Bett und war verwundert, als ich mich bereits da liegen sah. Ich stupste mich mit dem Fuss, wovon ich, liegend, keine Kenntnis nahm. Auch das Streicheln über mein Haar blieb gänzlich unbemerkt, immerhin das Rütteln an meiner Schulter quittierte ich mit einem verstörten Murmeln. Dann schlug ich die Augen auf und erschrak, wie ich mich so neben mir sitzen sah. Ich griff nach meiner Hand, um zu spüren, ob das auch wirklich Wirklichkeit war. Es war und so sass ich eine Weile neben mir, schaute mir in die Augen und schwieg. Ich gefiel mir, so verschlafen in den jungen Tag blinzelnd und zupfte mein Haar zurecht. Der Pickel an meinem Kinn war kaum noch und überhaupt dieser Mund. Ich küsste mich.
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13. Oktober 2003, 05:53 Uhr, JohannesOktobernachtÜberall Dunkelheit. Nur der Mond schien ungewohnt hell hoch über uns, noch lange tagte es nicht. Überall Stille. Nur in der Ferne das Rollen einer Eisenbahn auf der Linie nach Paris und weiter westlich. Überall Einsamkeit. Nur wir zu zweit umschlungen von dieser Dunkelheit und der Stille und dem Gefühl, das nur uns alleine was anging. Überall Vollkommenheit. Nur uns beiden fehlte der Mut, mir jedenfalls, dass du geschlafen hast damals, glaube ich dir heute noch nicht.
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11. Oktober 2003, 11:25 Uhr, billagesternlachend träumen
von gestern und wie es wäre dann
und gleich wieder
lachend träumen
von gestern und wie es wäre dann
und gleich wieder
lachend träumen
von gestern und wie es wäre dann
und gleich wieder
lachend träumen
von gestern und wie es wäre dann
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11. Oktober 2003, 09:11 Uhr, arjuna11. oktoberaufgetaucht
vom grund...
wassertropfen
perlen,
haare fallen
und
shiva tanzt
auf meiner welt...
leben und tod...
so gebe
ich ihm
in demut
alles her:
mein ganzes leben,
meine illusion
von
identität.
in liebe...
ein sprung hinaus,
ohne netz und
ohne wiederkehr...
betonmauern
stürzen,
panzerglas
zerbricht.
ein kind
aus der tiefe
meiner seele...
nackt
und ohne haut
doch
ganz und gar
ich selbst...
rein und sanft,
befreit und
neugeboren
in die welt
der wirklichkeit...
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09. Oktober 2003, 13:34 Uhr, JohannesPaul IIHeute war Paul früh wach. Ich traf ihn in meinem Tram, das in Richtung Bahnhof fuhr, wo er im hintersten Teil des letzten Wagens stand und über den Spiegel des Heckfensters die Fahrgäste musterte. Als er mich erspähte, kam er auf mich zu gestolpert, aufgewühlt und entschiedener als sonst begann er schon auf halber Strecke: «Leben, verdammt! Wir müssen leben, wenn wir wollen, dass es mit dieser Menschheit weiter geht, leben!»
Er hackte sich neben mir in eine der Lederschlaufen ein und beugte sich baumeln zu mir herüber, in seinen Augen blitzte einmal mehr die Überzeugung, die Wahrheit gefunden zu haben.
«Schau sie dir alle an», fuhr er fort, ohne seine Pegel zu senken, «da sitzen sie rum, wie Tote! Tote, die zur Arbeit fahren, dort mit anderen Toten in toten Büros sitzen und tote Gespräche über tote Dinge führen. Was soll Lebendiges dabei rauskommen? Leben, verdammt! Wir müssen leben, wenn wir wollen, dass es mit dieser Menschheit weiter geht, leben!».
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06. Oktober 2003, 13:26 Uhr, moutonDie Seite wechselndWenn die Angst nach dem Leben trachtet,
wenn immer mehr Leute in einem das sehen, was sie wollen,
ist es vielleicht Zeit, Terrorist zu werden.
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04. Oktober 2003, 14:16 Uhr, HannesFragmente eines Irrtums IVAls sie mich anriefen in dem Dorf ohne öffentlichen Münzfernsprecher, ich fuhr gleich zurück.
»So etwas«, sagte der, dem nichts passiert war, »kommt nicht von ungefähr. Ich kenne Situationen dieser Art.«
Mein Kopf hämmerte gegen seine Brust. Ich schlief nicht und träumte doch von Lärm und Menschen, die mir sagen wollen, was ich zu tun habe, Großeltern, unverwandte. Er erwachte, als ich schlief.
Waschbar bei 40 Grad, dachte ich, und die Blutlache war schon eingetrocknet. Putzend fragte ich nichts. Ich wartete auf eine Erklärung, eine Beteuerung, wenigstens ein böses Wort.
Er legte sich auf die Couch, eine Mumie, döste oder schlief, jedenfalls war er nicht ansprechbar und auch nicht greifbar, nicht fassbar war das alles ohnehin. Es wurde immer abstruser.
Ich war geflohen, und nun hatte mich das Gummiband zurückgezogen. Ob ich das wollte? Ob ich mehr wollte als ich selbst? Jedenfalls stand ich mit dem Kaffeebecher in beiden Händen vor ihm und sah ihn an. Wie er verletzlich war.
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03. Oktober 2003, 06:55 Uhr, JohannesKurz bevor MorgengoldHörst du die Regentropfen aufs Fensterdach fallen und wegfliessen? Stille um uns, noch reisst kein Morgengold die Dunkelheit entzwei, noch liegt sie gewaltig, schläfernd über uns. Ich bin ihr dankbar.
Komm noch einmal etwas näher, es ist noch Nacht und Zeit genug, noch musst du nicht gehen. Lass mich deine Wärme spüren, bevor es los geht mit dem Tag, der Qual, den Fratzen, den Lügen. Lass mich noch einmal von dir umschlungen sein und fühlen, dass ich nicht einsam bin, dass du da bist. Lass mich noch nicht alleine. Bleib noch, Traum.
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02. Oktober 2003, 22:09 Uhr, JohannesWetterleuchtenOben am Gipfel, dort wo rundum der Horizont weit ist, da oben stand er, dann stürzte er sich in die Tiefe, um wieder von vorne zu beginnen, weil das Gefühl, angekommen zu sein, nur für einen kurzen Moment erfüllend war.
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01. Oktober 2003, 19:43 Uhr, sturmtaucherAmbivalenzTau auf Deiner Haut.
Perlen voller Morgenröte.
Du sagst Du liebst mich
Greifst nach mir.
Schnitt
Du stehst am Fenster
Verlorener Blick
Seelenfrost
Du weißt ich lieb Dich nicht
Schnitt
Du bist weg
Tränen im Gesicht
Ich fühl mich leer
Warum hab ich gelogen?
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