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31. Dezember 2003, 16:58 Uhr, sturmtaucher

Blitzerinnerung

Bin in der Küche und bereite das essen vor. Und aufeinmal bin ich wieder 9 Jahre alt. Meine Mum steht in der Küche. Weisse Schürze umgebunden und die Ärmel nach hinten gekrempelt.Ich sitze auf dem Fussboden und spiele mit diesen heiss ausehenden Matchbox Autos. Meine erster Golf. Schon etwas angekratzt,aber noch immer ist er der schnellste auf der Piste. Die neue doofe Corvette hat da gar keine chance.Brummbrumm, die Teppichkante ist der Strassengraben.Das Teppichmuster der Strassenverlauf.
Mum sagt ich soll keinen Lärm machen, aber bei dieser rasanten fahrt quitschen Autoreifen nun mal.Die Corvette versucht noch immer mich aufzuholen. Und wärend mir der Duft von gebratenem Speck und angedünsteten Zwiebeln um die Nase schleicht, passiert es. Die Corvette setzt zum überholen an, haha! die Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht. Ein kurzer schlenker nach links, dann ein kurzer schlenker nach rechts;brummbrumm und die Corvette liegt mit einem lauten Knall abgedrängt im Strassengraben.
Meine Mum verweist mich der Küche,sie müsse sich konzentrieren.
Sie ist halt noch nie gern Autogefahren....

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Aus der Wortstation: http://sturmtaucher.wortbeitrag.net

30. Dezember 2003, 03:09 Uhr, Johannes

Lichtermeer

Wo das Zwischendurch zum Zentrum wird, geht die Zeit abseits ihren Weg weiter. Entrüstet über diesen Widersinn, stiehlt die Stunde der Minute den Moment und lässt Gegenwart mit Zukunft und Vergangenheit verschmelzen. So weile ich in deinen Armen und du in meinem Herz.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

25. Dezember 2003, 10:11 Uhr, Johannes

Stille Nacht

Winter kalt, Dunkelheit, frostverklebte Zweisamkeit. Glocken laut, Entschiedenheit, gedankenlos suizidbereit. Pfarrerstimme, Lobgesang, Bescheidenheit im Übergang. Amen hallt, dann Orgelton, Seligkeit, Gewissen, Lohn.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

24. Dezember 2003, 17:12 Uhr, lebenstraumsammler

Schweizbrüchige

Warten bis die Sonne untergeht, bis der Mückenschwarm in die Seele einbricht und das Gift vernichtet. Enten möchten Schwäne sein, nur nicht weiss, nur nicht weiss. Erwarten, dass der Himmel sich im Wasser spiegelt, nur keine Wellen mehr, bitte keine Wellen. Staunen, weil die weissen Segel am Horizont gelb werden, in Bewegung verstummen vor Windesglück. Mittrinken, da das Bier in alle Münder fliesst, nur Alkohol kann jetzt noch unser Retter sein. Ein Wettkampf, wer noch kritischer Schauen kann, noch verbitterter als Kinde untergeht. Alles nur ein kleiner Anflug von Hilflosigkeit, nichts ernstes. Bürger die scheinbar schauspielern, so gut, dass wir alle stolz wären ihre Freunde zu sein. Ein Sandwiche essender Haufen, ohne Stil, ohne Paddel, verloren im Ruderboot. Mit Unworten reden, totgeboren leben. Sammeln der Schilder um ein besserer Bürger, Schweizbrüchiger, zu sein.

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Aus der Wortstation: http://lebenstraumsammler.wortbeitrag.net

21. Dezember 2003, 00:26 Uhr, Hannes

Tatsachenbericht (weihnachtlich)

Am Bahnhof, auf dem es leise regnete,
Geschah es, dass mir ein Engel begegnete.
Sein blondes Haar trug er versteckt unter der Mütze,
Um den Hals gebunden war ein Schal.
Ich folgte ihm, sein Spiegelbild im stehenden Zug,
Das holde Gesicht: so fein und fahl.
Es war im Frühling, die Sonne schien helle,
Doch er war vermummt bis unter den Zeh.
So glitt er dahin und über die Schwelle,
Da sprang er, als wäre er Kind und sie eine Pfütze.
Links unter der Brust tut es mir jetzt noch weh:
Da war mal das Herz, das damals noch schlug.

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Aus der Wortstation: http://hannes.wortbeitrag.net

18. Dezember 2003, 23:14 Uhr, Andreas

Mein kleiner zarter Bonsai

Na, eigentlich ist es gar nicht meiner sondern unserer, also Ralphs und meiner.
Ralph hat ihn vor bald zwei Jahren geschenkt bekommen: eine Ulme im Zierformat als Geschenk für die neue Wohnung.

Dass ich damals so schnell bei Ralph eingezogen bin, mögen manche für einen
Fehler gehalten haben; dem Bonsai hat es das Leben gerettet.
Denn als er das erstemal seine Blätter abwarf, war Ralph sich sicher, dass man
das Mitbringsel nun wegwerfen könne. Aber es stand einfach nur zu trocken.

Seitdem habe ich die Verantwortung übernommen, und es aber auch schon dreimal fertig gekriegt, es mehrere Tage
lang ohne Feuchtigkeit stehen zu lassen.

Vor zwei Wochen war es mal wieder soweit, die Trockenperiode setzte ein, weil
ich das Gießen vergessen hatte.
Inzwischen sind alle Blätter runter aber es treibt neues Grün aus.

Wie ein Symbol der Hoffnung, die man eben doch nie ganz aufgeben soll,
wirkt die kleine Ulme auf mich. Ich hoffe, sie wird noch lange erhalten
bleiben, zum Ärger aller Bonsai-Aktionsangebote :-)

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Aus der Wortstation: http://andreas.wortbeitrag.net

18. Dezember 2003, 11:49 Uhr, morgaine

die 1002te weihnachtsgeschichte

wo fängt sie an die weihnachtsgeschichte, die es zu erzählen gilt, ohne glitter, flimmer und engelchöre? obwohl ein engel, aus eritrea gekommen, eine grosse rolle spielt? wo hört sie auf, die weihnachtsgeschichte, die allen die sie lesen, wieder den glauben an wunder wärmen könnte?

es begab sich am morgen des 12. dezember… nenen wir die wichtigsten personen merlin und nimue…

merlin, als lichtwesen in einer stürmischen vollmond nacht im zeichen der fische von der grossen göttin mit dem auftrag, nach seinem tod eine strasse des lichts zu hinterlassen, geboren… und nimue, seherin und heilerin im zeichen des stiers in diese welt gesetzt, nicht wissend, was ihr auftrag hier sein soll… fanden sich eines tages wieder. an einem ort, wo sie unabhängig voneinander, ihre schwester oder bruderseele nicht erwarteten.

weil die grosse göttin oder der liebe gott, diese welt und alles was auf ihr lebt, so sehr liebt, belegte er merlin und nimue mit einem zauber, der für die menschen dieser welt unverständlich ist und bleibt, wohin die beiden auch kommen. denn sie sind zugleich sonne und mond… und wie die sage erzählt, können sonne und mond nie zusammen kommen. am tag wärmt die sonne, der merlin aus weisem ratschluss heraus zugeordnet wurde, die seelen - in der nacht beschützt nimue, als silberner mond, das licht der auf sie strahlenden sonne, wiederspiegelnd, die liebenden und schönen verlierer… doch sie lieben sich merlin und nimue. seit bestehen dieser welt und bis ans ende dieser welt - bis zu dem tag wo alle dualität aufhört und sie sich im herzen der weltenseele wieder vereinen.

glücklich darüber sich gefunden zu haben, machten sie sich daran, die getrennt angefangene arbeit an ihrem göttlichen auftrag zusammen und doch unabhängig weiterzuführen, doch…

merlin ist schön. wunderschön und so verlieben sich immer neue menschen in ihn, die seinen auftrag nicht verstehen und wollen ihn für sich behalten. versuchen ihn mit den verschiedensten zaubertricks von der welt und von seinem auftrag zu trennen, auf dass er nur noch für sie da sei. merlin liebt männer und…

und nimue liebt merlin und wen oder was sie sonst noch liebt, weiss sie nicht mehr, obwohl in einem physischen körper wohnend, lebt sie schon lange ohne körper und als seherin hat sie den oft ünglücklichen auftrag, den menschen dinge zu sagen und zeigen, die denen nicht so gefallen, auch merlin. und so kam es in der vergangenheit, dass nimue und merlin sich auch stritten und dann wieder versöhnten…

eines tages tauchte in merlins leben ein verflossener liebster wieder auf und beanspruchte merlin wieder für sich. isolierte merlin mehr und mehr von allem und nimue musste zusehen, wie merlins strahlen immer glanzloser wurde, wie er darum kämpfte sein licht zu erhalten und es weiter auf alle zu denen er kommt zu verteilen.

merlin und nimue verstanden sich immer weniger, wenn sie sich zusammen auf merlins schloss trafen. immer mehr fühlte nimue merlins not und fand aber keine worte sich auszudrücken und merlin gab ihr verschlüsselte botschaften in gestalt von bildern die er malte und texten, die er schrieb und nimue verstand. sie verstand und schrie ihr verstehen in stummen schreien aus der seele, doch sie konnte merlin nicht helfen. sie vertraute auf gott und die seelen vom zauberberg. seelen von menschen, die sie in diesem leben nie kannte und gesehen hat, die aber mit ihr verbunden sind und sie in allem unterstützen und lieben.

die seelen vom zauberberg waren ihre einzigen verbündeten und sie stärkten sie in ihrer liebe zu merlin und trösteten sie, wenn merlin auch nach ihr schlug, weil er eigentlilch gegen diese schleichende bedrängnis und beengung durch diesen liebsten schlug. weil er spürte wie die luft zu atmen immer weniger wurde, wie in der nacht die angst ihn in seinem schloss besuchte und nach seiner seele griff…

… und so kam der tag wo nimue und merlin wieder stritten und schweigend voneinander gingen und tagelang, wochenlang schwiegen. nicht mehr zueinanderfanden… und nimue spürte merlins not und konnte nichts tun. er hatte die zugbrücken zum schloss seiner seele hochgezogen und nimue irrte umher. geplagt von ahnungen und träumen. träume in denen merlin sie besuchte und umarmte. so real, dass nimue in der morgendämmerung nur noch weinen konnte.

merlin besuchte sie in den träumen und schickte ihr von zeit zu zeit botschaften, dass er sich nach ihr sehnen würde, doch er kam nicht aus seinem schloss.

nachdem nimue wieder eine dieser botschaften erhalten hatte, machte sie sich auf den weg in die stadt und nutzte die begrenzte kraft der hoffnung, ihre alltäglichen pflichten zu erfüllen, bis der nächste weinkrampf von ihr wieder seinen tribut forderte. sie lief durch die festlich geschmückte einkaufsstrasse der stadt - denn nicht vergessen - es ist bald weihnachten - als plötzlich ein mann aus eritrea vor ihr stand und sie fragte, ob sie eine der zeitschriften kaufen möchte, die er anbietet. nimue kaufe eine und sprach noch ein paar worte mit ihm, schaute in seine strahlenden augen und sah seine ausgeschlagenen zähne, als er lachte. dann ging sie nach hause in ihre burg und erst am anderen morgen, las sie in der zeitschrift und stolperte über einen artikel über einen jungen mann, der menschen zusammenbringen will, die noch einen funken anarchie in ihren herzen tragen… nimue wollte diesen artikel an merlin senden, als sie plötzlich von neugier gepackt, zuerst einmal selber das forum dieses jungen mannes besuchte.

wichtig ist dabei die tatsache, dass nimue und merlin heute leben. jetzt in den letzten tagen des jahres 2003 und beide computer besitzen, wo sie einen zugang zu einer welt in der welt haben: dem internet.

nimue loggte sich also in diesem forum ein und fand darin texte von merlin. texte die merlin entgegen seiner gewohnheit, die an nimue zu schreiben, an dieses forum gesandt hatte. nimue fing an zu lesen und es war ihr als sässe merlin bei ihr in der halle ihrer burg und würde erzählen… und plötzlich verstand nimue. plötzlich hatte sie die worte für ihre gefühle, weil sie erleben durfte, weil die grosse göttin oder der liebe gott, ihr durch diesen engel sagen liess, dass sie richtig fühlte und dass sie alles, was sie fühlte, merlin hätte sagen dürfen… doch sie tat es nicht, weil sie angst hatte, ihn deswegen zu verlieren.

denn merlin ist nich nur ihr liebster, sondern auch ihr lehrer. merlin hatte nimue aus einem gefängnis befreit, in dem nimue über 10 jahre verharrte, bis zu dem tag als merlin vor ihr stand und ihr sagte, dass er sie nie mehr verlassen würde und ihr zum zeichen dieses bundes mit dem eiskalten wasser eins besonderen brunnens ein kreuzzeichen auf die stirn «brannte»

nimue realiserte, dass sie merlin wegen ihrem schweigen im falschen augeblick fast verloren hätte, dass fast schon der tod hinter ihm stand. den merlin war in den wochen des schweigens sehr krank geworden… der zurückgekehrte liebste war längst aus merlins leben gegangen.

in dem augenblick, als nimue alle hoffnung aufgegeben hatte, dass je nochmal der alte frieden und die vertrautheit zwischen ihnen entstehen könnte, als sie es zu akzeptieren begann, merlin für immer verloren zu haben, an jenem sonnigen morgen des 12 dezembers 2003 schickte ihr die grosse göttin einen engel aus eritrea…

nimue konnte zu merlin zurückkehren, denn er hatte schon lange auf sie gewartet. sein groll von jenem streit, war schön längst verflogen und nur noch seine liebe zu nimue war da.

und so stand sie am nachmittag des 17. dezembers vor merlin und sie umarmten sich wie in den träumen, in denen er sie besucht hatte.

ein engel aus eritrea, mit ausgeschlagenen zähnen und alten abgetragenen kleidern…

es gibt sie, die engel, es gibt den gott mit tausend namen, es gibt sie: die wunder.

es gibt weihnachten… wirklich.

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Aus der Wortstation: http://morgaine.wortbeitrag.net

14. Dezember 2003, 19:28 Uhr, rolph

ja wirklich, weg damit!

und mit einem mal wird alles klar. in nur einem kurzen moment scheinen alle probleme, tage und monate mit herumgetragen, gelöst. aufgelöst im nichts. es lösen sich sogar solche probleme, dessen wennauch latentes vorhandensein ich gar nicht erst bemerkt hätte; hätten sie sich nicht auf einmal gelöst.
ich sehe, ich denke. die probleme aber sind real, erfahrung. die lösung ist vision, gedanke.
-problem.

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Aus der Wortstation: http://rolph.wortbeitrag.net

13. Dezember 2003, 15:02 Uhr, morgaine

könnte ich…

… stillhalten, wie ein stein über den deine hände streicheln
… sehen, wie du siehst
… schatten für ewig verbannen
… die vollkommene gebären

dann würden die göttinnen ewig tanzen

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Aus der Wortstation: http://morgaine.wortbeitrag.net

10. Dezember 2003, 19:42 Uhr, Baustelle

In mir schwirrt vieles

In mir schwirrt vieles,
worte, gedanken, taten.
Nichts freizumachen,
zu träge, zu verklebt.
Alles so weit zu gehen,
im kopf und doch irgendwo.
Den mund nicht öffnen,
die hände nicht rühren,
platzen könnt ich,
alles raus, es muss,
ich könnte zwar,
doch nichts wird.
Bis ich kotze.

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Aus der Wortstation: http://baustelle.wortbeitrag.net

10. Dezember 2003, 16:00 Uhr, Johannes

Zwischen Kannenfeld und Schifflände

Kürzlich, an der Bushaltestelle, fragte mich eine junge Frau:
Bist du viel in der Natur?
Leider nein.
Warum?
Es hat dort Menschen vom Land.
Sie lachte und nuschelte etwas zu ihrer Begleiterin, was ich nicht hören konnte, weil ich mich bereits wieder in Richtung weg von ihnen bewegte. Doch noch bevor der Abstand zwischen uns gross genug gewesen wäre, so dass das eigentliche Weiterführen des Gesprächs als erneutes Ansprechen hätte gewertet werden müssen, was für sie vielleicht - so hoffte ich - eine Hemmschwelle hätte sein können, oder was, falls dem nicht so gewesen wäre, doch immerhin mein Gefühl von Bedrängnis gerechtfertigt hätte, sagte sie:
Ich bin vom Land.
So?
Ja, ich bin auf dem Land aufgewachsen und wohne nun seit einem Jahr hier in der Stadt mit meiner Freundin zusammen. Wir haben eine WG.
Ich sagte ihr nicht, dass ich auch auf dem Land aufgewachsen sei und in meinen ersten Jahren hier in der Stadt wie sie in einer WG wohnte, wozu auch? Ausserdem fuhr gerade der Bus heran, es war lärmig und die Leute hastig.
Sie setzte sich neben mich. Ihre Begleiterin, die offenbar ihre Freundin war, denn ihr sonst eher abwesender Blick hatte kurz etwas Teilhabendes, als die Wohnform erwähnt wurde, stand an die eine Tür gelehnt. Sie schielte, aber es ist mir nicht deswegen aufgefallen.
Wo gehst du hin?
Ich weiss es noch nicht, antwortete ich und verfluchte mich sogleich dafür. Nicht zu wissen wo man hin will, was man vor hat, also zuzugeben, dass man Zeit hat, nimmt jede Möglichkeit einer diplomatischen Antwort auf die Frage:
Wollen wir etwas trinken gehen?
Nein, ich mag das nicht.
Wie?
Ich gehe nicht gerne 'etwas trinken'.
Wie lernst du Leute kennen?
Gar nicht.
Sie blickte ihre Freundin an, die ihre schmalen Schultern kurz nach oben zucken liess und ich kam mir vor wie ein Kindergärtner, der sich nicht am Bauklotzspiel der Gruppe erfreuen konnte, was heute noch für gewöhnlich die Frage nach dem Sinn seiner Präsenz im Kindergaren zur Folge hat und nicht selten auch irgendwelche wissenschaftlichen Tests und Untersuchungen, welche sein gestörtes Sozialverhalten belegen, resp. widerlegen sollen - je nach Ehrgeiz der Eltern. Jedenfalls hat mir das mal eine Mutter erzählt; auch ungefragt, auch hier im Bus.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

08. Dezember 2003, 22:00 Uhr, Johannes

Stille Wasser gründen am Grund

Ja, ich war auch immer ein guter Zuhörer, weil ich nichts zu erzählen wusste. Aber heute, heute ist das anders. Heute erzähle ich nichts, weil ich nichts zu sagen habe, nichts zu dir, nichts zu niemandem. Darum schweige ich und bitte, das soll nicht heissen, dass du jetzt reden musst. Auch das Zuhören ist mir verleidet. Ich bin es leid, deine immer gleichen Sorgen zu hören, immer die selben Ratschläge zu geben; Ratschläge, die du eh nicht annehmen kannst, was ich verstehe, denn ich handle ja selber nicht danach. Schweig doch einfach auch und lass gut sein.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

07. Dezember 2003, 18:54 Uhr, Hannes

Bringen Sie einen Lebenskranken zurück

„Bringen Sie einen Lebenskranken zurück ins Leben.“

Dabei sah sie nicht einmal gut aus. Es war ihre Stimme. Für einen Moment überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Videos zu drehen. Grundsätzlich. Dann drückte ich auf den Auslöser.

In der S-Bahn saßen wir uns gegenüber, zwei abgerissene Gestalten. Sie in schwarz. Ich zählte die Stationen mit.

Ihre Zähne waren weiß und dicht, sie bildeten einen perfekten Halbrund. Der Wagen vibrierte von ihrer Stimme.

„Sind Sie neurodermitisch? Ich kenne jemanden, der lange damit zu kämpfen hatte. Von heute auf morgen war es weg.“

In ihren Augen wollte ich versinken. Wir fuhren im Kreis, sie stieg nicht aus. Wie zwei Verirrte in der Wüste.

„Auch so einen Durst?“

Ich holte zwei Dosen Bier dem Rucksack. Sie trank ihre in einem Zug.

Wir prosteten uns nicht zu.

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Aus der Wortstation: http://hannes.wortbeitrag.net

06. Dezember 2003, 14:30 Uhr, Dominik

Ich hab geträumt

Du wohnst im Steinigen (oder Steinegg- oder Steinlichen, jedenfalls etwas mit Stein) Haus, und ich komme Dich besuchen. Das ist schon alles.
Aber das Haus ist mir noch recht gut in Erinnerung.
Es steht nicht wirklich auf dem Land, aber auch nicht in der Stadt. Ein Agglo-Haus eher. Und es besitzt einen recht grossen Garten, der allerdings, da es Winter ist, ein braunes Gesicht zeigt. Aber es ist zu erkennen, dass ihn im Frühling keine Blumen zieren, sondern dass er einfach eine grosse Rasenfläche ist, allenfalls mit Gänseblümchen und Löwenzahn bewachsen. Aber eben, im Moment ist er von einer dünnen Schneeschicht bedeckt.
In den Garten und damit zur Haustür bin ich von der anderen Seite gekommen, also an der von mir aus gesehen linken Seite des Hauses vorbei, wohl über einen Weg.
Das Haus selber ist alt, und es besitzt diese gewisse Schiefe, die allen alten Häusern zu eigen ist. Es ist kein rechter Winkel zu sehen. Ausserdem ist es zweistöckig, doch Du bewohnst nur den unteren Stock, und eine Treppe kann ich, weder in Deiner Wohnung noch ausserhalb, nirgends ausmachen.
Vor Deiner Wohnung, zum Garten hin, stellt das Haus eine Laube zur Schau, nicht erhöht, sondern einfach nur überdacht, und von bogenförmigen Säulen getragen.
Ich stehe in der Laube und blicke durch eines der vielen alten Fenster in Deine Wohnung. Sie ist sehr offen gebaut, so etwas wie Wände sind selten. Links von mir sehe ich ein Wohnzimmer, Parkettboden mit zum Teil schon erweiterten Rissen, eine Matratze am Boden statt einer Couch. Und eben Fenster auf den Garten und nach der von mir aus gesehen linken Seite des Hauses.
Etwas weiter rechts, in der Mitte der Wohnung, dann eine Art Hausflur, der zur Türe führt, vor der ich jetzt stehe. Er ist bis auf ein kleines rundes Tischchen leer, auch hier Parkettboden. Am Ende dieses Flures führt eine Türe in Dein Schlafzimmer, in dem ich Dich auf dem Bett liegen sehe. Links ist das Wohnzimmer und rechts die Küche.
Die Küche besitzt, genau wie das Wohnzimmer, eigentlich keine Wand zum Flur, ist aber trotzdem irgendwie abgetrennt und besitzt Fenster zur Laube und nach rechts. Auch die Küche ist alt. An den Boden kann ich mich nicht erinnern, allerdings handelt es sich nicht um Parkett. Eher eine Art Stein. Eingerichtet ist die Küche mit einer Spüle, einem Elektroherd und einem rechteckigen Tisch mit zwei Stühlen.
Dein Schlafzimmer, das letzte Zimmer in dieser Wohnung, besitzt nur Fenster nach rechts, also anschliessend an die Fenster der Küche. Über die Einrichtung bin ich mir nicht ganz im klaren. Ein Bett sicher, Du liegst ja noch darin, ob ein Tisch kann ich nicht sagen, und wenn ich es mit Deinem jetzigen Zimmer vergleiche, fehlt wohl auch ein Bücherregal.
Mir fällt erst jetzt auf, dass es überhaupt keine Bücher gibt in dieser Wohnung.
Ich klopfe an die Fenster der Haustür, Du siehst und stehst auf und öffnest mir. Und dann essen wir zusammen Frühstück.

Das ist, wie gesagt, alles, aber erinnern kann ich mich noch gut an Dein Haus.

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Aus der Wortstation: http://dominik.wortbeitrag.net

05. Dezember 2003, 11:21 Uhr, Pascale

Zwiegespräch mit dem Sensenmann

Als ich trabte über einen Steg
kreuzte ich unverhofft seinen Weg
'Wer bist Du, ich kenne Dich nicht?'
Er sodann zu mir spricht:

'Ich bin der altbekannte Sensenmann
vorbei komme ich dann und wann
immer zwischen Euch ich wandel
aber niemals mit Euch handel

Ich beschneide der Menschen Leben
wurde es ihnen nur leihweis' gegeben.'
Ich frage: 'Und das Dir gefällt?
gibt es nichts andres, das Dein Dasein erhellt?'

'Mädchen, Dein Urteil macht mich traurig
wieso ist der Tod für Dich so schaurig
manchmal kann ich erlösend sein
manch gepeinigte Seel befrein

Meine Arbeit, die mach ich gut
gebe manch Leidendem wieder Mut.'
'Aber auch die Jungen aus dem Leben reisst
weisst Du denn nicht, was das heisst?'

'Doch, es sind die Angehörigen, die leiden
wenn ich muss blühend Leben beschneiden
aber der Tod ist ein Anfang, kein Ende
er bedeutet für die Seelen eine Wende

Nicht mehr gefangen im Körper und frei
nicht mehr Schwerkraft spüren wie Blei
tun und lassen, was man gerade will
nicht mehr erleiden der Welten Unbill!'

Der Tod, er lächtelt mir ins Gesicht:
'Mädchen, bitte fürchte Dich nicht!'
Dann führt er mich mit sich fort
in ein neues Leben, an einen anderen Ort.

© Pascale Eigensatz

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Aus der Wortstation: http://pascale.wortbeitrag.net

03. Dezember 2003, 00:42 Uhr, Johannes

Himmelblau zweierlei

Es muss jetzt einfach raus aus mir: Ich liebe dich! Und ich ritze es in diesen Baum, damit es auf immer hier stehe und du es noch lesen kannst, wenn du nicht mehr zu dumm bist, es zu verstehen, es zu spüren, dass du weinst dann, weil du es verpasst hast, meine Liebe zu schätzen, mich zu schätzen, weil du ein Arschloch warst, ein dummes.

Es musste einfach raus aus dir: Ich liebe dich! Und du hast es in diesen Baum geritzt, damit es auf immer hier stehe und ich es heute noch lesen kann, jetzt wo ich nicht mehr zu dumm bin, es zu verstehen, es zu spüren, weshalb ich jetzt weine, weil ich es verpasst habe, deine Liebe zu schätzen, dich zu schätzen, weil ich ein Arschloch war, ein dummes.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

03. Dezember 2003, 00:00 Uhr, Felicia

verwirrt

total.
die verwirrung war radikal.
eine totale verwirrung.
sie war ja noch so jung.

sie war jetzt reich.
lotto.

sie hatte auf die richtigen fünf gesetzt.
glück.
einmal in ihrem leben.
reichtum.
endlich.
schönheit.
endlich.

so lange hatte sie auf diesen zeitpunkt gewaret.
jetzt war ihr leben entartet.
gestartet...
so lange gehofft.
jetzt war er gekommen.
wie war sie benommen!
war da.
sie war reich.
sie war glücklich - oder nein?
und doch...
...und doch konnte sie's nicht sein.

sie beschloss doch nicht anzurufen,
nahm den lottoschein und liess das geld geld sein.


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Aus der Wortstation: http://felicia.wortbeitrag.net

02. Dezember 2003, 10:41 Uhr, Hannes

Wie es euch gefällt

Jüngling, nimm die hingeworfene Lippe
der Verehrung hin als Überschwang
als Limonade, nippe,
Jüngling, vorsichtig und genau.

Die Schenkelinnenhaut verspürt den Drang
sich aufzurichten bis zur Klinke,
die im kühlen Grau
vergraben liegt.

Eines siegt:
nicht die Vernunft, die ist zu schlau.
Wenn ich als dein Schatten durch die Wälder hinke
sehe ich, wahrhaftig, sinke.

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Aus der Wortstation: http://hannes.wortbeitrag.net

01. Dezember 2003, 15:45 Uhr, arjuna

montagmorgen

ein montagmorgen
im sonntagsgewand
und
eine kette,
die auf den tramboden
perlt...
der junge
mit langem haar,
und brett unter dem arm,
blickt mich mit
grossen, fragenden augen,
an:
ein bruder, ein freund?
und die lettern der zeitung,
der tod des mädchens
aus dem achzehnten stock
lassen tränen rollen
springen...
fallen...
sinken...
tiefer...
ein montagmorgen,
der gerne sonntag
wäre
und...
all dies gehört zu mir selbst

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Aus der Wortstation: http://arjuna.wortbeitrag.net

01. Dezember 2003, 10:14 Uhr, Johannes

War ich, dort

Wo Morgenrot das Dunkel der Nacht durchbricht, wo Sonne durch Schneekristall und Fenster sticht, wo Vogelsang Leben und Tag besingt und windstill ein Hauch von Winter mein Herz durchdringt.

Dort irgendwo war ich, dort müsste ich zu finden sein.

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Aus der Wortstation: http://johannes.wortbeitrag.net

01. Dezember 2003, 00:01 Uhr, meg

Einer von vielen

Jeden Tag steht er auf, geht an den selben Ort und verrichtet die selbe Arbeit. Seine Eltern hatten noch Träume. Träume brachten sie in dieses Land und obwohl sie erkennen mussten, dass es den Leuten auch in diesem Land nicht viel besser geht als überall sonst, haben sie nicht aufgehört zu träumen. Er aber hat seine Träume verloren. Er weiss, dass er weiterhin jeden Tag aufstehen wird, jeden Tag an den selben Ort fahren wird und jeden Tag die selbe Arbeit verrichten wird. Er tut, was alle anderen auch tun. Er redet sich solange gute Aspekte und schöne Seiten ein, bis er fast daran glaubt. So webte er sich seine Falschträume und tut alles um nicht aus ihnen aufzuwachen. Lieber in einem falschen Traum leben, als in einem echten Albtraum. Er weiss nichts mer von den grossen Zielen seiner Jugend und wenn er sich doch erinnert, brandmarkt er sie als Illusionen, unmöglich zu ererichen. Schliesslich hat man ihm das oft genug gesagt. Er hat keine Wahl, keine Macht. Er muss tun, was er tut. Aber er wenn er das gut macht, wenn er seine Arbeit zur vollsten Zufriedenheit anderer ausführt, dann wird er vielleicht eines Tages ein grösseres Stück vom Kuchen abbekommen, oder wenigstens ein paar Krümel, wenn sie jemand von dem Tisch wischt, an dem die Grossen sitzen.

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Aus der Wortstation: http://meg.wortbeitrag.net

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