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WORTBEITRAG

25. Juli 2005, 22:13 Uhr, lebenstraumsammler

Einfacher

Das Leben wäre vielleicht einfacher,
wenn es wäre, vielleicht einfacher.
Wenn ich ich dich nicht angesprochen,
dich nicht angerufen, dich nicht geküsst hätte.

Weniger Tod jedesmal, weniger See sein,
weniger ertrinken in dir,
jedesmal und ein Mal mehr, dann, wenn
wir uns nicht mehr sehen und uns dann nicht mehr trennen. Alles ohne Sinne, ohne mehr zu wissen.

Ohne zu wissen, woher diese Sehnsucht kommt,
dich mich sticht wie Sonne aus der Dose
Und ich sterbe, fast, vor Übertreibung und dem Fehlen von dir, ich dann nur noch dich will, nicht einmal mehr mehr mich,
dies im Jetzt oder wenigstens im nächsten Augenblick.

Hast du die Bilder noch im Kopf? Sag’s mir nicht. Nicht nur weil ich nicht betroffen sein will.

Mein Leben wäre vielleicht einfacher.

Ich würde weniger schwer atmen.
Würde weniger leiden statt fliessen.

Das Leben, jenes, wäre vielleicht einfacher,
wenn ich dich nicht getroffen hätte.

Es wäre nur nicht mein Leben.

Umgeschrieben nach einer Inspiration von Erich Fried, 25. Juli 2005

  2 Kommentare

Aus der Wortstation: http://lebenstraumsammler.wortbeitrag.net

24. Juli 2005, 04:26 Uhr, bluewater

Der Zug ist längst abgefahren

13:54 Uhr. S1. Gleis 1. Freiburg nach Thun. Die Zeit scheint schnell zu laufen. Wie immer.
14:00 Uhr. Erster Halt. Eigentlich 13:58. Es ist ruhig hier. Ich mochte diese Ruhe an diesem Ort. Ausserdem schien die Zeit hier immer langsamer zu laufen. Ich schaue aus dem Zugfenster; ein Gebäude aus naher Ferne sticht in mein Auge. Lauter Betonblöcke, abgetrennt von braunen Ziegel. Es ist eine Schule.
Der Zug fährt weiter.
Ich kannte mal einen Jungen. Er war in der Klasse von nebenan. Er verkörperte für mich die Stille. Denn er sprach mit niemandem. Er schwieg. Er stand immer alleine herum. Oft waren seine Augen ins Leere gerichtet. Er sagte nichts, und er machte nichts. Schrieb Bestnoten. Ausser Vortrag halten. Das konnte er gar nicht. „Hoffnungsloser Fall“, meinten die Lehrer. Und man machte sich über ihn lustig. Alle machten sich über ihn lustig. Immer. Nicht etwa über sein Schweigen. Nein. Über ihn.
An einem Tag, während einer Pause:
Ich (mit einem Croissant) Hallo.
Er Hallo.
Ich Was machst denn so?
Er Nichts.
Ich kaue mein Croissant.
Ich (mit vollem Mund) Stimmt es, dass dein Lehrer der Herr C. ist?
Er Ja.
Ich Muss ja cool sein, einen Vater als Lehrer zu haben. Da kann man ihn alles fragen, wenn man mal bei Hausaufgaben nicht weiter kommt.
Er Stimmt.
Ich beisse noch ein Stück ab.
Ich Schönes Wetter heute, nicht?
Er Ja.
Ich schaue auf meine Uhr.
Ich Sag mal, magst du deine Klasse eigentlich?
Er Hmm.
Ich Wie bitte?
Er Ja.
Ich Versteh ich nicht.
Er Die Klasse.
Ich Du magst sie?
Er Ich denk schon.
Ich (mein Croissant längst verschlungen) Aha.
Es läutet. Ende der Pause
Das sollte unser letztes Gespräch sein. Später machte ich meinen Schulabschluss, kam ins Collège und zog später in die andere Stadt. Ich hatte ihn nie mehr gesehen. Ich erfuhr später, dass man ihn in eine Sonderschule gesteckt hat. Ich hätte mich doch gerne noch einmal mit ihm unterhalten.
Ein anderer Tag:
18:10 Uhr. S3. Bern. Ab nach Hause.
18:40 Uhr. Freiburg. Ich steige aus. Und plötzlich steigt jemand weiter hinten raus. Ich erspähe ihn.
Er ist es.
Hinterlaufen? Ansprechen? Reden? Das Schweigen brechen? Ist es meine Aufgabe? Bin ich dazu bestimmt? – Hallo / Kennst du mich noch / Ich bin der Schoi / Lange nicht mehr gesehen / Wie gehts / Wie lebt es sich / Was machst du / Wohnst du immer noch in B. / Ich bin im letzten Jahr / Du auch / Mann, das wird hart / – Er verschwindet in der Menschenmenge. Ohne das Schweigen gebrochen zu haben.
Ich schaue aufs Bahngleis.

Der Zug ist längst abgefahren.

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Aus der Wortstation: http://bluewater.wortbeitrag.net

20. Juli 2005, 22:27 Uhr, Zenon

Wortwechsel (124): Dogma

ALTER. Die kirchlichen Dogmen sind in der Regel Machtworte, die bei nicht enden wollenden innerkirchlichen, nicht einmal auf Konzilsebene lösbaren Streitigkeiten um Glaubensinhalte gesprochen zu werden pflegen. Im Katholizismus genießt der Papst die höchste Lehrautorität. Diesen Primat unterstreicht das Unfehlbarkeits­dogma, das treffen­der 'Unanfechtbarkeitsdogma' zu nennen wäre.

EGO. Eine solche Umbenennung ist wohl nicht mehr möglich. Sonst würde man ja ein Dogma ändern, und das hieße: sich die ganze Dogmatik verderben.

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Aus der Wortstation: http://zenon.wortbeitrag.net

19. Juli 2005, 09:48 Uhr, Zenon

Wortwechsel (121): Teufel

ALTER. Der Mensch vermag wenig. Aber das Wenige zu leisten ist seine Lebens­auf­gabe. Wir können nur in kleinen Schritten etwas leisten. Und im Zwischenmensch­lichen aus gebührendem Abstand aufeinander zugehen. Der Umweg sollte uns als Kö­nigsweg, die langsame Fahrt als Entdeckungsfahrt zur Gewohnheit werden. All­zu scharfes Brem­sen wird dann un­nötig. So können wir den Teu­fel im Leib einschlä­fern.

EGO. Ich kann mir viele Situationen vorstellen, in denen Eile geboten ist. In denen sich der Teufel freut, wenn wir nicht schnell genug zur guten Tat schreiten. Die For­mel 'Ver­l­angsamung = Ver­bes­serung' ist mir ein bisschen zu einfach gestrickt.

  1 Kommentar

Aus der Wortstation: http://zenon.wortbeitrag.net

17. Juli 2005, 21:24 Uhr, nggalai

Silber.

Panikerfüllt rennt der junge Mann durch die Straßen, seine Stelzen unter dem Arm und die nackten Fußsohlen auf dem Kopfsteinpflaster. Gackernde Gruppen von Aas-Staubsaugern zerstreuen sich auf seinem Weg, nur um sich anschließend wieder um die Überbleibsel der Frischfleischtypographen zu streiten.

Der junge Mann denkt fiebernd nach. 'Woher kannte ich ihn nur? Was geschieht mit mir? Und weshalb schmerzen meine Füße so sehr?'

Der kleine Fleischdachdecker, den er noch immer in seiner Hand hält, lacht hämisch. 'Deine Füße schmerzen, weil Du bisher nie ohne Stelzen gegangen bist. Aber Du denkst zu viel nach. Lass es gut sein. Sonst wirst Du mich nie los werden.' Der Fleischdachdecker pafft weiter seine winzige Pfeife, während ihn goldene Funken wie ein vulgäres Sonnensystem umkreisen.

'Ich brauche dich nicht,' murmelt der junge Mann im ruhigen Ton, und wirft den kleinen Fleischdachdecker im hohen Bogen über die nahegelegene Friedhofsmauer. Der Fleischdachdecker lacht, als er über das spitzenbewehrte Mauerwerk fliegt und sanft auf einem frisch aufgeschütteten Grab landet.

'Du magst dich sicher fühlen, aber es wird der Tag kommen, wo Du dich nach mir sehnen wirst. Erinnere dich meiner Worte, wenn es so weit ist.'

In dem Moment gleitet der Fremde um eine Hausecke und hält hustend inne. Er nähert sich dem jungen Mann mit kleinen Schritten. In seiner Hand glänzt ein Miniaturtoaster.

  1 Kommentar

Aus der Wortstation: http://nggalai.wortbeitrag.net

07. Juli 2005, 23:03 Uhr, Zenon

Wortwechsel (106): Trotz

ALTER. Etwas in uns sagt unbedingt Ja zum Leben, dem unwiderleglichen Be­fund, dass es eine missliche Sache sei, zum Trotz.

EGO. In puncto Trotzhaltung ist der Pessimismus durchaus koalitionsfähig. Er teilt bloß nicht den Glauben an Auswege oder gar Wunder.

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Aus der Wortstation: http://zenon.wortbeitrag.net

05. Juli 2005, 17:27 Uhr, Gerhard_Kemme

Macht

ersetzt Diskurs
ohne ein Warum
Sucht Numero eins
trifft Gegenmacht
Liebe wirkt anders
Sie kann ohne Vertrauen
Gottlos aus Prinzip
schadet der Seele
verlangt Respekt
kann man lernen
aber nicht verlernen

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Aus der Wortstation: http://gerhard_kemme.wortbeitrag.net

04. Juli 2005, 15:00 Uhr, arjuna

sandy dennys stimme

ganz durchdrungen
bis oben angefüllt,
durch- und durchwoben,
erfüllt,
in raum -
und zeit
steht still,
atem stockt...
lautlos
fliessen tränen,
perlen durch
den moment,
lösen sich in ihm auf...
weit weg,
in mir drinn?
schleifen bilden
diesen klang,
der heilig scheint,
wahrhaftig und
echt, wie reines gold...
dieser klang einer ewig
vergangenen welt...
begraben,
im morgengrauen,
der geburt
einer neuen epoche.
was bleibt uns,
den kindern?
das echo des aufbruchs?
sandy dennys stimme
immerhin,
echt wie reines gold
und warm,
wie die haut
eines sommermorgens...

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Aus der Wortstation: http://arjuna.wortbeitrag.net

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