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24. Dezember 2006, 19:49 Uhr, Epiphanius

Die helle Empörung!

Froh kann ich im Heute nicht sein. Ziemlich nüchtern des Magens, ernst und etwas besinnlich auf einem dreistündigen Gang durch nebeltriefende, düstergraue, flache Landschaft, ja. Der Heiland wurde uns in Armut und Schlichtheit geboren, wunderbar! Dass da den Wissenden ein neuer Stern über der aufgegebenen Fabrik erleuchtet, darin vielleicht nun ein Punkerpaar ihr Kind im Heu gebiert und sich im Kreis von Bettlern, Migranten und anderer Dissidenten, mit heiligem Ernst daran erfreut; in diesem Szenario würde ihn bei uns nun, statt Herodes, Polizei und Jugendamt kassieren. Vielen Reichen ist ja auch den Armen das Kind hier ihre helle Empörung.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

20. Dezember 2006, 21:09 Uhr, zivilpunker

Ausgebrannt

Funkelnde Erinnerung
blendet mein Gemüt
Zerfetzter Stolz
hechelt nach Heimat
Unterdrückte Tränen
rinnen als Narben
in meine Seele

Ich bade in Unschuld

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Aus der Wortstation: http://zivilpunker.wortbeitrag.net

19. Dezember 2006, 23:15 Uhr, Epiphanius

Epiktet: Helfen ja, aber ...

... nicht um jeden Preis. Gedanken wie die folgenden dürfen dich nicht quälen: 'Ohne Ehren werde ich dahinleben und nirgends etwas gelten.' Falls das Ausbleiben von Ehren wirklich ein Unglück ist: du kannst doch durch das Wirken eines anderen ebensowenig im Unglück sein wie in Schande. Hängt es etwa von dir ab, ein Staatsamt zu erlangen oder zu einem Festmahl eingeladen zu werden? Gewiß nicht. Wieso kann dies dann noch als 'Ausbleiben von Ehren' aufgefaßt werden? Und wie kannst du 'nirgends etwas gelten', da du doch einzig in dem Bereich etwas bedeuten sollst, über den du gebietest, worin du der Bedeutenste sein darfst?
Aber deine Freunde werden so ohne Hilfe bleiben! Was meinst du mit 'ohne Hilfe'? Sie werden von dir kein Geld bekommen, und du wirst ihnen auch nicht das römische Bürgerrecht verschaffen können. Wer hat dir denn gesagt, daß dies zu den Dingen gehört, über die wir gebieten, und nicht von andern abhängt? Wer aber kann einem andern geben, was er selbst nicht hat? 'Dann verschaff dir Geld', sagt ein Freund, 'damit auch wir etwas davon haben.' Wenn ich es mir verschaffen kann, ohne dabei meine Selbstachtung, meine Verläßlichkeit und mein hochgesinntes Wesen zu verlieren, dann zeige mir den Weg, und ich werde es mir verschaffen. Wenn ihr aber von mir verlangt, daß ich diese meine Güter preisgebe, damit ihr zu Gütern kommt, die gar keine sind, so seht ihr doch selbst ein, wie ungerecht und unvernünftig ihr seid.
Was zieht ihr eigentlich vor? Geld oder einen verläßlichen und seinem Gewissen verpflichteten Freund? Verhelft mir also lieber zu diesen Eigenschaften und verlangt nicht von mir, daß ich etwas tue, wodurch ich sie gerade verlieren muß.
'Aber das Vaterland wird', so lautet ein Einwurf, 'soweit es auf mich ankommt, ohne Hilfe bleiben.' Noch einmal fragte ich: 'Hilfe welcher Art?' Säulenhallen und Badeanstalten wird es von dir nicht bekommen. Aber was hat das zu besagen? Es bekommt ja auch keine Schuhe vom Schmied und keine Waffen vom Schuster. Es genügt, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfüllt. Wenn du ihm einen Mitmenschen zu einem verläßlichen und seinem Gewissen verpflichteten Bürger heranbilden würdest, nütztest du ihm dann nichts? 'Doch.' Folglich dürftest du ihm nicht unnütz sein. 'Welche Stellung', sagt er, 'werde ich also im Staat einnehmen?' Diejenige, die du einnehmen kannst, ohne in dir den Mann der Verläßlichkeit und Selbstachtung aufzugeben. Verlierst du aber, in der Absicht, dem Staat zu helfen, diese Eigenschaften, was kannst du ihm da noch nützen, wenn du schließlich schamlos und unzuverlässig geworden bist?

Aus: Epiktet Handbüchlein der Moral

Gedanken zu Epiktet

Das Handbüchlein der Moral von Epiktet zu lesen war mir von Anfang an eine hochinteressante kleine Freude. Epiktet versteht und beschreibt sich hierin als ein Philosoph, als ein Mann des asketischen Denkens; als ein rationaler und zugleich frommer Mensch der den inneren Werten lebt und in besonderer Weise die Zuständigkeit seines Geistes von der Welt trennt.

Er sieht sein Schicksal als von einer allweisen Gottsphäre gelenkt und arbeitete darauf hin, sein Leben in Einklang mit dieser Sphäre zu führen. Dieser Einklang ist ihm die sensibilisierte Vernunft, die nur das als von seinem Streben beeinflußbar betrachtet, welches auch seinem Willen unterliegt und in keiner Weise dazu führt seinen inneren Frieden zu stören.

Hier stellen sich mir allerdings einige Fragezeichen. Seine strenge Abgrenzung der nicht von ihm beeinflußbaren und deshalb als irrelevant betrachteten Sphären läßt mich im Heute denken, diese Haltung ist eine apolitische. Diese Einstellung inkorpuriert im modernen Menschen bedeutete, er wäre vollkommen unberührt von aller Medienhysterie; er nähme daran keinerlei Anteil. Inwieweit diese Haltung noch die Nächstenliebe und das Handeln daraus zuläßt, bleibt in seinem Text unklar.

Erstaunlich finde ich die kleinen Erwähnungen seines Lebensstils als Philosoph, in denen er sich zum weltlichen Treiben in Opposition als innerweltlich abgrenzt; seine Beschreibungen erinnern mich an die Lebenshaltungen der Mystiker. Ihm fehlt die visionäre revolutionäre Vernunft des Jesus von Nazareth, er kommt ihr aber hin und wieder doch ein wenig nahe. Sein Asketentum ist auf die Formungen des Intellekt und seiner Rollen fixiert und vermißt die radikale Transzendenz desselben.

Der Mystiker involviert sich nicht in dem Wirken seines Intellekt, er trachtet danach die Gedankenwelt zur Ruhe kommen zu lassen. Da aber das Leben des Mystikers noch viel weniger im allgemeinen Bewußtsein definiert ist, ist mir diese eher volkstümliche Selbstdefinition eines klassischen Philosophen, die der des klassischen Mystikers nahe kommt, sehr begrüßt und empfohlen.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

14. Dezember 2006, 12:40 Uhr, kleinerdenker

Souvenir

Sicherlich werde ich jene Reise vermissen. Nicht des Parks, den Avenues oder den unphrasierten, gesummten Liedern wegen. Einzig die in der Geschichte hängen bleibenden Ereignisse. Das Lächeln der entgegenlaufenden Leute, ihre Blicke, bloss die Sehnsucht, sie mitten auf der Strasse unbeschwert und unbeobachtet tanzend zu sehen.
Nicht den Mund, der mich küsste, den ich küsste, wird vermisst sein, nur jenes Gefühl, dieses Gefühl zu verpassen. Im jetzigen Zeitpunkt lediglich diese Emotion, die nicht mehr ausgelebt werden darf. Nicht das Grüne jener Augen, sondern deren während eines tiefen Augenblickes mir übertragenen Wahrheit bleibt mir verzagt. Fehlen werden mir die nicht gesprochenen und gehörten Worte, die Gerüche, der Geschmack.
Nur zu denken, dass alles in Lichtgeschwindigkeit an mir vorbeisauste, fühle ich, dass ich nichts gesehen, nicht richtig geatmet, nicht richtig gedacht, geschweige gelebt habe… Die Zeit lässt sich abkürzen, sowie jene Gefühle den Menschen und Dingen gegenüber. Die Zeit lässt uns keine Zeit, uns an Dinge oder Mitmenschen zu gewöhnen, ehe wir weiterziehen müssen.
Reue überkommt mich beim Auftauchen des Gedankens, alles getan und gefühlt haben zu können und dies ungeschehen lassen, aus Angst zu weinen.

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Aus der Wortstation: http://kleinerdenker.wortbeitrag.net

12. Dezember 2006, 07:21 Uhr, Epiphanius

Formen des Widerstands

Der passive Widerstand. Ein Konzept zur Diskussion. Ein Konzept, für Menschen, die sich von der gegenwärtigen Durchökonomisierung aller Lebensbereiche bedroht und in ihrer Integrität gefährdet fühlen. Dem Konzept liegt die Weltanschauung zu Grunde, dass der Mensch kein Einzelwesen im Existenzkampf Aller gegen Alle ist, sondern Teil einer sozialen Gemeinschaft, in der auch die Starken für die Schwachen Sorge tragen; Teil einer Gemeinschaft, in der die nicht materiellen Werte wie das kooperative Verhalten, Nächstenliebe, die Würde des Menschen, Gleichberechtigung, Offenheit, Ehrlichkeit und Verantwortung höher rangieren als das Ökonomische.

Diese Weltanschauung geht von der Natürlichkeit des menschlichen Geistes aus und stellt sich damit in Opposition zum systemisch konditionierten Geist. Der systemisch konditionierte Geist sei als das begriffen, was uns gegenwärtig in unsererem Menschsein bedroht. Der Materialismus mit seiner Tendenz den Menschen nur als Faktor in der Produktion und als Konsumenten in der Vermarktung zu definieren, sei hier zuvorderst genannt; die Weltvermittlung aus zweiter Hand, durch die großen Medien mit ihren manipulativen Botschaften sei hier genannt; die Politik des Staates, die als von den Interessen der Wirtschaft, der großen Konzerne und der Reichen vereinnahmt gelten muß, sei hier genannt. Letzterer Punkt markiert uns auch ein Hauptproblem.

Abstrahiert betrachtet schert sich die Wirtschaft nicht um die menschlichen Werte; ihre Ethik ist die Gewinnmaximierung, die Eroberung und Beherrschung neuer Märkte, die Bedürfnisweckung für immer neue Produkte, die Versklavung des Menschen in Arbeit und Konsum zum Zwecke der Mehrung des Reichtums einiger Weniger. Die Kreditierung des Menschen für seine ambitionierten Konsumwünsche und privaten Aufbauleistungen ist auch als eine Mittel der extremen Abhängigmachung des Menschen in dieser Wirtschaftslogik zu verstehen.

Hier werden also ständig Wünsche geweckt und das Wünschen gefördert. Kaum jemand begreift, dass das Nachgeben an diese Wunschbefriedigung auch die Selbstversklavung an die kapitalistisch-materielle Sphäre bedeutet. Wohl begreift der Mensch, dass ihn der Konsum und die private Aufbauleistung nicht wirklich in seinem Menschsein befriedigt. Oft bleibt nach dem Konsum ein schaler Beigeschmack zurück.

Die wirkliche Befriedigung des Lebens findet der Mensch nur in den konstruktiven Rollen des sozialen Gemeinwesens. Die Wirtschaft arbeitet daran, dieses Gemeinschaftswesen aufzubrechen. So definiert sie ständig attraktiv erscheinende Lifestylevorbilder, in denen sich der Mensch als Konsument von statussymbolträchtigen Gütern in dieser Vorbildrolle wiederfinden soll. Jedoch, diese Rollen sind reine Illusion. Der Mensch auf dem Konsumtrip verliert so immer mehr von seiner Substanz; er wird immer weniger eines befriedigenden Sozialkontaktes in der Natürlichkeit seines menschlichen Geistes fähig; er Vereinzelt.

Diese Vereinzelung ist gewollt; die in ihrer Folge ständige Unbefriedigtheit des menschlichen Kerns macht den Menschen noch mehr zum Ersatzbefriediger im Konsum. Die explosive Zunahme der Singelhaushalte bedeutet eben auch mehr Konsum, noch mehr Möbel, Kühlschränke, Fernseher, und, und, und. Das Alleinsein bedeutet eben auch noch mehr Exposition an die manipulativen Botschaften der Medien, mit ihrem Motto, schaffst du Etwas, hast du Etwas bist du Etwas.

Soweit die kritische Skizzierung des zugrunde liegenden Weltbildes und des Status quo. Wie also könnte hierzu eine konstruktive Strategie des Ausstiegs aus der Sklaverei aussehen?

Auf der abstrakten Ebene ist das System dem Menschen Feind. Die abstrakte Ebene ist die der Weltwirtschaft des Kapitals. Für den einzelnen Menschen bedeutet das den Rückzug aus der Welt des Kapitals. Sparguthaben und Aktien, alle Angebote des Kapitalmarktes zur stillen Geldvermehrung sind zurückzuziehen. Diese Kapitaleinlagen bedeuten doch ganz klar, dass andere Mächte mit diesem Kapital im Sinne der inhumanen Wirtschaft arbeiten und noch mehr Gewinn damit erwirtschaften. Sie bedeutet letztendlich, dass der eigene Arbeitsplatz unter dem allgegenwärtigen Druck zur Kapitalvermehrung immer mehr rationalisiert, ja wenn nicht sogar eines Tages wegrationalisiert wird.

Das mir nächste mögliche Verhalten ist der radikale Konsumverzicht; der Verzicht, auf Alles was nicht unbedingt zum Leben notwendig ist. Hier steht im Vordergrund der Verzicht auf den substanziellen Konsum. Persönliche Dienstleistungen, sofern sie den Dienstleister in einer humanen und würdigen Position zu bleiben erlauben, sehe ich als dieser Antistrategie förderlich. Angebote im Bereich Kunst, Kultur und Soziales sollten so belebt werden.

Ganz naheliegend ist natürlich hier auch der Rückzug von dem übertriebenen Konsum der Medien, insbesondere der Rezeption der TV-Medien. Wenn Medienrezeption, dann kritisch und reflektiert. Als erste Alternative zu den Medien bietet sich nun wieder die soziale Teilnahme, dass unter die Menschen Gehen, das Gespräch, die Meinungsbildung in der Diskussion, die Gruppenaktivität, die kreative künstlerische Betätigung, das Buch usw.

Die anspruchsvollste Verhaltensänderung ist die am Arbeitsplatz. Hier riskiert der Einzelne den Verlust und damit womöglich das Platzen der Kredite, der Verlust eines vielleicht erreichten relativen Wohlstandes. Hier ist denn auch Zivilcourage von Nöten. Wer sie hat, der kann vielleicht das folgende tun: Nimm Abschied von deiner Selbstdefinition in der übertriebenen Leistung. Du bist nicht mehr Wert als Mensch, wenn du die Arbeit von zwei oder drei Kollegen schaffst. Befriedigung finden in der Arbeit heisst, ohne Hektik und in Ruhe das richtig und gründlich zu tun, was zu tun ist.

In diesem Bereich wird von Seiten der Arbeitgeber immer mehr und immer subtiler künstlicher Leistungsdruck erzeugt. Hier muß der Mensch standhalten und sein natürliches und ihm adäquates Leistungsvermögen finden und sich nicht irritieren lassen. Hier muß der Mensch im Angesicht der offenen Überforderung gegensteuern. Wenn diese Gegensteuerung auf der Vernunftebene nicht funktioniert, dann muß er es 'krachen lassen', dann muß er das Soll unerfüllt lassen, dann muß er die Schlange vor dem Schalter eben auch bis zur Unerträglichkeit lang werden lassen können. Der Forderung nach andauernd mehr Überstundenleistung und einer Verlängerung der regulären Arbeitszeit ist natürlich ebenso eine Absage zu erteilen. Der organisierte Arbeitskampf ist natürlich, wenn möglich vorzuziehen.

Die Frage der Berufswahl ist ein weiteres Entscheidungsfeld. Niemand sollte sich in eine berufliche Tätigkeit begeben, in der absehbar ist, dass ihre Ausübung den Menschen ausbeutet, übervorteilt, betrügt und hinters Licht führt; den Menschen in seiner Natürlichkeit des Geistes entwürdigt und ihm schadet.

Diese wenigen Ansatzpunkte von Vielen praktiziert würden auch ohne Organisierung in Interessenverbänden enorme Wirkungen zeitigen. Sie würden die Regierung und die Wirtschaft zum Umlenken zwingen. Letztendlich zielt dieser passive Widerstand darauf ab, das Primat des Menschen in seinem natürlichen Geist zu befördern, letztendlich zielt er auf eine neue Weltordung der Nachhaltigkeit, des Friedens und der Brüderlichkeit hin.

Die gegenwärtige Fixierung auf ein ständig nötiges Wirtschaftswachstum ist nur darin verständlich, dass überall auf Zinsen und Kapitalvermehrung gearbeitet wird. Das Wirtschaften unter dieser Prämisse wird vermutlich kollabieren. Das kapital-materialistische Wirtschaften in seiner gegenwärtigen Form wird eine tiefe Regression erfahren. Der Mensch wird sich auf seine soliden Basiskulturleistungen besinnen müssen, das wird nicht ohne Verwerfungen möglich sein.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

09. Dezember 2006, 17:25 Uhr, felix

*

Schneiend durch den dunklen Wald der Zeit,
langsam erklingt der wehmütige Chor der Herzen
von Ferne singt er, von Freuden und von Schmerzen
klingend bis zum tiefsten Leid,
das grosse Lied der Liebe.

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Aus der Wortstation: http://felix.wortbeitrag.net

03. Dezember 2006, 11:04 Uhr, Epiphanius

Die Globalisierung des Wahnsinns

Hier erläutere ich überwiegend assoziativ memorierend meine Auffassungen und Gedanken zu einigen subjektiv so wahrgenommenen Inhalten bei der schon vor längerer Zeit stattgefunden habenden Rezeption des Buches Im Weltinnenraum des Kapitals von dem Philosophen Peter Sloterdijk; es trägt den Untertitel 'Eine philosophische Theorie der Globalisierung' und erschien 2005 im Suhrkamp Verlag.

Sloterdijk betrachtet das historische Kontinuum der Globalisierung. Dieses beginnt ihm schon mit Christoph Kolumbus vor 500 Jahre. Die Folgen dieses Prozesses schlagen heute auf uns zurück. Er befindet, dass der mit äußerster Brutalität und Menschenverachtung vorangetriebene Imperialismus primär merkantil entfaltet wurde; dass die Inbesitznahme neuer Ländereien gleichzeitig zur Eroberung des Heidengeistes dieser Bevölkerungen durch die katholische Kirche benutzt und so auch seelsorgerisch die Macher noch in all ihren Grausamkeiten positiv konditioniert wurden.

Was mir S. darin exemplarisch an Kolumbus auch bedeutete ist, dass der Aktionist, der Eroberer, der Abstecker neuer Claims, sich immer im Recht und sich geradezu größenwahnsinnig überlegen glaubt. Ihm, dem Entdecker ist ja der Schlüssel in die Hand gegeben, der Menschheit die Tür zu einer neuen Dimension zu eröffnen; diese neue Dimension hieß da Globus. Die damit zu dieser Zeit verknüpften Bedeutungen waren: neue Seewege, neue Kolonien auf noch geheimen Karten, neue Reichtümer. Sloterdijk skizziert hier, dass es eine an den Wahnsinn grenzende Motiviertheit ist, die diese Eroberer des Neulandes in der Gesandtschaft ihrer Kronen antreibt.

Was bedeutet dieser Wahnsinn? Ja, in der Wissenschaft, in der historisch-philosophischen Betrachtung ist die kriegerische Eroberung ein Regelfall. Jedoch aus der Perspektive des Menschen ist Krieg und Eroberung der Tod, die Vergewaltigung, die Bestialität, die Ausbeutung, die Versklavung und die Gesetzlosigkeit gegenüber Millionen Menschen, ein immer schlimmster Ausnahmefall des Lebens.

An der Differenz dieser beiden Perspektiven wird sehr schön deutlich, dass die Sicht- und Verstehensweisen des intellektuell konditionierten Menschen ständig in der Gefahr stehen, die natürlichen Sichtweisen und die natürlichen Erfahrungsbedeutung des Menschseins auszuschließen oder zu marginalisieren.

Der Intellektuelle wird immer eine Erklärung finden, immer einen gewichtigen Grund sehen, immer eine Entschuldigung zur Hand haben, immer ein überzeugend klingendes System, eine Wissenschaft haben, eine schöne interessante Geschichte erzählen können, mit der er die Welt erklärt und behandelt wissen will. Aus dieser Haltung heraus steht der Intellektuelle immer in der Gefahr, die menschliche Dimension zu verlieren und daraus egoistisch, überheblich, verführerisch, grausam und gewalttätig zu handeln.

So sind es auch diese abgehobenen Klassen Intellektueller, der Menschenwelt entfremdeter Regierungs- und Wirtschaftskreise, die den Bürger ihren Wahnsystemen unterwerfen. Und diese Wahnsysteme, einmal zur Welt gebracht und verfolgt, verursachen eine nahezu unendliche Kette von geradezu zwangsläufigen Folgen des Leids.

Hier analogisiere ich die Schildbürger, die sich daran machen sich ihr Wetter so zu gestalten, wie sie es sich am besten denken; es ist ein wunderschöner Märchenkomplex, aber auch einer von abgrundtiefem Gehalt. Des Menschen systemisches Denken kann und wird dem Leben nie gerecht werden. Es wird immer unabsehbare Folgen zeitigen.

Am klarsten wird mir dieser Sachverhalt bei Buddha erläutert. Er legt großen Wert auf die Bedeutung des Karma. Er sagt mir in freier Annäherung, was du jetzt denkst und tust wird endlose Flogen zeitigen; achte dein Denken und Tun. Seine Lehren des reinen Geistes gewinnen in diesem Licht ihre Tragweite und Bedeutung. So ist mir denn unser Heute auch eine Welt von gewalttätigen, hab- und machtgierigen, pseudointellektuellen Schildbürgern, die mit unglaublichen Mächten ausgestattet, nicht wirklich wissen was sie tun und damit unendlich leidvolle Folgen generieren.

Ich neige also dazu, diese kritikale Dynamik der Eroberungsmentalität generell auf den Intellekt zu übertragen. An diesem historischen Globalisierungsbeispiel werden mir so auch die ganzen Sündenfälle des Geistes deutlich. Der Eroberer und Erforscher beläßt es nicht beim menschlichen Friedenmachen, beim Achten, Staunen, Bewundern, Verstehen und voneinander Lernen, vielleicht auch noch beim miteinander Handeln, sondern er nimmt systemisch-intellektuell konditioniert rücksichtslos in Besitz, beutet aus und funktionalisiert sich das neue Objekt. Das ist mir der nicht beherrschte, der gefallene, der sündig denkend und handelnde Geist.

Das Neuland zu betreten ist zugleich das Abstreifen aller mitgebrachten Ethik. Staatsräson heißt nur noch Besetzen, Ausbeuten und Reichtümer nachhause bringen. Das Kapital heute verfährt im Grunde noch immer nicht viel anders, wobei zu dem Heute noch zu sagen ist, es erobert sich die neuen Märkte nicht mehr in einer Staatsräson sondern erobert sich diese gleich mit.

So hat auch Freud, das Neuland seiner Psychoanalyse abgesteckt und damit in Disrespekt zu allem bestehenden Geist erst einmal die ganze Welt auf seine neue Couch gelegt. So hat vielleicht auch der Buddhist den Geist auf den Ebenen der Chakren reflektiert und so die innerweltlichen Kosmen geschaffen, in denen er nun lebt. So hat Christus den Geist der Welt, den gefallenen Intellekt von dem Geist Gottes, dem heiligen Geist und seinem Licht der Welt sein, geschieden.

Sloterdijk mystifiziert mir dieser Welteroberung ein zur Ganzheit reifen an, indem er viele Metaphern abklopft, in denen dieser Geist sich nun selbst der Rundheit und Vollkommenheit eines Erdkugelbewußtseins angenähert haben soll. Von einer Theorie, von einer Vision, die besagte, die Erde ist in Wirklichkeit nicht flach sondern rund, auszugehen und los zu fahren und tagtäglich über Monate festzustellen, ja, bei Gott, da ist kein Ende der Welt, da geht es wirklich immer weiter, war natürlich auch der gewaltige Schritt des wahnsinnigen Abenteurers mit revolutionären Folgen für die Menschheit. Ich meine aber, das uns heute gebliebene dominantere Bild ist, dass die Globalisierung von Anfang an in einem illegitimen und bösen Ungeist der Macht- und Habgier erfolgte und sich daran nichts beschönigen läßt.

Die gegenwärtig ja immer noch anhaltenden Globalisierungsprozesse unter den Vorzeichen des wirtschaftenden Kapitals sind mir nach wie vor von der selben ethiklosen Macht und Habgier der wie wahnsinnigen Eroberer geprägt.

Noch immer sind dem Kapital nicht alle Märkte erschlossen. Gleichzeitig damit werden die erschlossenen Märkte mit immer neuen Entdeckungen aus den ewigen Neuländern wissenschaftlich technischer Eroberungen überrollt.

Im Zuge dieser merkantilen Globalisierung wird das Menschenbild rücksichtslos materialistisch auf Forschungs-, Produktions-, Konsum- und Gewinnprozesse reduziert.

Als Konsument jedoch wird der Faktor Mensch missionarisch umworben und manipuliert. So assoziiert Sloterdijk das Leben des westlichen Wohlstandsmenschen mit dem Leben in einem Kristallpalast. Er spricht lautkräftig und verführerisch vom Verwöhnungswert und vom Zauber der Geldsphäre, die jeden mit einer beispiellosen Fülle von Optionen ausstattet, in der Kurzformel - Shoppen und Ficken - solange die Aufenthaltsbedingung im Wohlstandsraum, Kaufkraftbesitz, erfüllt ist.

Zur Typisierung dieser globalisierten Welt beruft sich Sloterdijk übrigens auf ein von Fjodor Dostojewskij in dem Roman Aufzeichnungen aus den Kellerloch im Jahre 1864 geprägtes Bild vom Kristallpalast; eine Metapher, mit der er das berühmte Großgebäude der Londoner Weltausstellung von 1851 beschrieb. In ihm sah der Dichter das Wesen der westlichen Zivilisation vor Augen. Das monströse Bauwerk war ihm die menschenverzehrende Struktur eines Baalkults, in dem den Dämonen des Westens gehuldigt wurde: der Macht des Geldes, der puren Bewegung und den aufreizenden und betäubenden Genüssen. Dieses Bild dürfte sich ihm mit den heutigen Zuständen in den Tempeln der Konsumgesellschaft noch deutlich verschärft haben.

Den einen oder anderen meiner Leser wird es interessieren, das Sloterdijk zwar dieses Bild überzeugend findet, er sich dazu aber von den 'religiösen Suggestionen' Dostojewskijs ebenso distanziert wie von den ihm 'obskuren Andeutungen über Kapitalismus als Religion' bei Walter Benjamin. Für Sloterdijk findet im Kristallpalast die virtuelle Begegnung von Rainer Maria Rilke und Adam Smith statt.

Ich meine, ja, die materielle Welt in den Sphären des Kristallpalasts hat für den Kaufkraftbesitzer ein nie zuvor erreichtes Verführungs- und Betörungspotential akkumuliert.

Den zynischen Politikern, die das materielle Armsein von Millionen Menschen zu verantworten haben sei hier ihre Steilvorlage stilisiert, die mir ein Licht ist: nur der arme, schlichte und fromme Mensch hat eine Chance, von dem schönen Schein des Kristallpalasts nicht verblendet und korrumpiert zu sein. Arm sein heißt die Chance haben zum wahrhaftigen Leben. Arm sein in der Verbindung mit Versklavt- und Entrechtetsein jedoch, das ist möglicherweise der Nährboden der nächsten Revolution.

So schlicht und einfach wie es klingen mag, so ist es doch den Aktionären und Mitläufern, den Markt-, Rendite- und Wuchergläubigen, die schlimmste Irrationalität, die man ihnen gegenüber äußern kann: Ich finde, dass es eine schwere Fehlentwicklung war und ist, diesen kapitalistischen Eroberungsdrachen von der Leine zu lassen; er versklavt nicht nur die Menschheit, die in einfachen und armen Verhältnissen viel mehr Lebensqualität und Glück finden würde, sondern er zerstört in seinen abermillionen Prozessen des entfesselten Fortschreitens die unwiederbringliche Lebensgrundlage des Menschen; diesen einsamen blauen Planeten des Universums; in einem wahnsinnigen, deliranten Rausch des Wachstums und des Fortschritts. Die Offenbarung des Johannes kommt mir hier wieder einmal in den Sinn. Und, all das geschieht, weil das Denken des Menschen von Habgier, Macht, Stolz, Eigensinn, Dummheit, Irrtum, Illusionen, Unglaube, Angst und Hass, von der Sünde fehlgeleit und verfinstert wird, weil der Mensch nicht mehr in IHM stille SEIN kann.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

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