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28. Januar 2009, 16:18 Uhr, golem

Besser so?

Ist es wirklich besser, sich nicht umzudrehen? Ist es wirklich besser, nur nach vorne zu sehen?
Was hinter mir liegt, bedrückt mich, was vor mir liegt ist - ungewiss.
Also drehe ich mich doch besser um?
Was kann schlimmer sein als die Vergangenheit, steht sie doch unabänderlich fest?

Also drehe ich mich nicht um, gehe stur geradeaus weiter. Aber die Schatten, sie verfolgen, überholen, stürzen sich auf mich, zwingen mich meinen Blick wieder nach hinten zu richten...

Es ist zwecklos wegzulaufen, die Vergangenheit holt einen immer ein.

  1 Kommentar

Aus der Wortstation: http://golem.wortbeitrag.net

25. Januar 2009, 02:06 Uhr, Epiphanius

Tagebuchschreiber - Handschriftschreiber

Es gibt Abende, da fühle ich mich wie ausgebrannt, elend, schlecht, leer, perspektivelos … wenn ich es in solcher Verfassung dennoch schaffe mein Ringbuch zur Hand zu nehmen, den Füllschreiber mit den Fingern zu klemmen, den Neubeginn-Kringel, das Datum, die Uhrzeit zu setzten und einfach loszuschreiben, - ohne Rücksicht auf Form und Korrektheit - ins Papier zu stöhnen, zu klagen, zu fragen ... zu rekapitulieren, zu analysieren, zu reflektieren – dann kommen so oft ganz flott ein paar Seiten des Wortbruchs zustande.

Hinterher geht es mir immer deutlich besser und oft staune ich darüber, jetzt nun erst zu sehen ... der Tag hatte ja doch seine Erfüllung, seinen besonderen Sinn und Wert.

Vielleichts ist das ja auch die Ablösung, der Nachfolger - die areligiöse Form des Gebets?

Etwas verblüffend, der Gedanke, die Blogosphäre sei im Grunde ja so auch frommende Gemeinde.

Jedoch, ich komme so gut wie nie auf den Gedanken, darin wieder einmal nachzulesen. Es scheint mir eine innere Hemmung oder Schranke, ja auch ein kleiner Widerwille da zu sein. So sind mir jetzt erst, etwa vier Jahre danach, die Aufzeichnungen der Wanderjahre in kleinen 'Häppchen' geniessbar.

Diese Ringbücher stapeln sich, sind schwer und unangenehm ist es mir, darin zu blättern. Der Einstieg in moderne Zeiten mag das auch dem einen oder andern ändern:

Fotografiere die Seiten in gutem Tageslicht und hoher Auflösung mit der Digitalkamera und speichere sie auf dem Pc. Als nächstes setzte ein Programm an, dass die Bilder in Webseiten 'verwandelt' und vorher auch noch dreht. Es ist nur ein kleiner Minuten-Eingriff. Zum Lesen geht es dann per Mausklick von Seite zu Seite, per Dropdown-Auswahl zu jeder beliebigen Seite, per Thumbnail-Auswahl ebenso.

So macht das Wiederlesen darin nun geradezu Vergnügen und das Netbook wiegt immer noch dasselbe Kilo, auch sollten es mal hundert Hefte sein.

Ich verwende den Arles Image Webpage Creator 7.4.3. Die Einarbeitung fiel mir leicht. Für unsere Zwecke muss man unter dem Tab 'Images' das 'Resize' abwählen. Unter dem Tab 'Image Page' kommt man über den Schalter 'Advanced' zu weiteren Optionen; hier unter dem Reiter 'Other' das 'set Image Size Information' – Häkchen setzten und 100% eintragen – die Seite wird dann immer so groß dargestellt, wie das Browserfenster. Den Rest der Optionen kann man sich auch so nach und nach entdecken.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

22. Januar 2009, 00:11 Uhr, Epiphanius

Der Websteig

Bei einer Google-Recherche am 21.01.2009 um 7 Uhr fand sich noch keine Verwendung des Wortes 'Websteig'. Epi reklamiert hiermit der Schöpfer dieses Begriffes zu sein und definiert ihn in der Bedeutung: Internetpräsenz oder Homepage. Ihm erscheint diese alternative Bezeichnung dem Sprachempfinden bzw. der Mundart als deutlich näher stehend.

Für eine Klärung der Teilbegriffe 'Web' und 'Steig' siehe: Wortschatz der Universität Leibzig. Neologismus in der Wickipedia.

Für eine erste Assimilierung des Begriffs siehe www.epiphanius.de

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

13. Januar 2009, 20:50 Uhr, Klatschmohn

„Ich werde mich outen!“

Caroline lauscht in den kleinen Flur hinein. Niemand zu hören. Die Kinder sitzen vor dem Fernseher. Michael ist kurz rüber zum Nachbarn, ein Bierchen trinken. In gut einer halben Stunde wird er zurück sein. Diesen Moment möchte sie nutzen, um umgestört zu telefonieren. Sie wählt die Nummer ihrer besten Freundin Manuela. Es klingelt dreimal, dann meldet sich eine verschlafene Frauenstimme:
„Ja?“
„Manu?“
„Caro!“
„Kann ich kurz mir dir sprechen!“
„Aber immer doch, Süße – das weißt du!“ Manuela ist sofort hellwach und sofort im Gespräch mit ihrer Seelenverwandten.
„Ich habe mich entschlossen!“
„Zu was?“
„Ich werde mich outen!“
Ein kleiner Moment des Schweigens. Dann ein erschrecktes „WAS?“
„Ja, es ist an der Zeit. Ich kann mein Leben nicht mehr leben, als würde ich in diese kleine, gutbürgerliche Familie gehören und als würde ich in meinem ganzen Leben nix anderes mehr sein wollen, als Mutter zweier Kinder und Schwester meines Gattens!“
„Du willst offiziell machen, dass du auf Frauen stehst?!“
„Ja, ich will sagen, dass ich lesbisch bin. Ich kann mit Männern nicht. Nicht mehr. Nie mehr!“
Ihre Stimme wird deutlich lauter, als sie ihre Überzeugung ausspricht: „Und auch Michael gegenüber ist es einfach nur noch unfair, ihm etwas vorzuspielen, dass nicht mehr stimmt!“
„Was ist mit Laura?“ fragt Manuela, ahnend, dass diese unerwiderte Liebe der Auslöser fürs geplante Coming-Out ist, von dem sie erst alles hören möchte, bevor sie es beurteilt.
„Ich liebe sie. Das kann sie und das kann die ganze Welt wissen. Auch wenn ich damit leben muss, dass sie mich nicht will!“
„Du willst dich nicht etwa outen, in der Hoffnung, sie doch noch…?“
„Nein“, unterbricht Caroline ihre Freundin entschieden. „Nein, ganz und gar nicht. Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Vorm Wochenende und nach dem Wochenende. Ich habe in den Nächten echt Scheiße geträumt. Und mich immer wieder gefragt, woher das kommt. Und ich kam immer mehr auf den Punkt, dass ich etwas ändern muss!“
„Weil du schlecht träumst?“
„Nein, weil ich bemerke, dass mein Innerstes sich schon die ganze Zeit gegen mein jetziges Leben sträubt. Nach und nach ausbrach und nun einfach seinen Platz einfordert.“ Sie redet sich in erregte Leidenschaft und vergisst darüber zu schauen, ob gar jemand von ihrer Familie die Treppen zu ihr hinauf ins Schlafzimmer kommt. Aber es kommt keiner. Es bleibt still um sie herum, während sie Manuela ihre aktuelle Entscheidung bekannt gibt.
„Ich bin lesbisch und ich will endlich diese Leidenschaft leben. Ich bin lesbisch, und ich will endlich eine Partnerin an meiner Seite wissen. Jemand, mit dem ich alt werden kann. Auch wenn es Laura nicht ist!“ Sie schluckt. Und dann bittet sie: „Hilf mir, lass mich nicht hängen, ja?!“
„Natürlich nicht, Süße. Überleg es dir gut. Aber ich stehe, bei allem was du tust, hinter dir. Das weißt du.“
„Danke“, haucht sie ins das Telefon, während zur gleichen Zeit ihre weinende Tochter die Treppen hinauf zu ihr rennt: „Mami, Mami …der Tobi hat mich gehauen!“
„Ich muss Schluss machen. Die Kinder!“
„Ja, ist okay, Süße. Meld dich einfach, ja?!“
„Ja. Danke. Ich habe dich lieb!“
„Ich dich auch!“
„MAMI…!“ kreischt es im Treppenhaus.

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Aus der Wortstation: http://klatschmohn.wortbeitrag.net

09. Januar 2009, 23:02 Uhr, Epiphanius

Himmelsphären

Nach den Sternen blicken, sehnen, deuten - ist hier und heuer kümmerlich.
Da sich ihm einmal das Firmament offenbarte, auf der tiefen Nacht des Meers. Jenes Wunder lockt, zum Abglanz nun, ans Fenster des Stellariums. Der Orion der alten Griechen - sein Schmetterling - war auch schon anderen Kulturen einer, so erzählt es Dirk Lorenzen in der Sternzeit.

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Aus der Wortstation: http://epiphanius.wortbeitrag.net

06. Januar 2009, 23:36 Uhr, Klatschmohn

Essen gehen

Essen gegangen.
Mutter, er und ich.
Kurze Fahrt durch eisiges Wintergrau.
Angekommen. Kaum Platz gefunden.
Zwischen all den Rentnern, die sich am Sonntag mal was Gutes gönnen wollten.
Wir fanden einen Platz. Den einzigst freien Tisch. Lautstärkepegel so hoch, dass man sich unmöglich unterhalten konnte. Die Mutter versuchte es dennoch. Und es war anstrengend, gegen die lautstarken Schafskopfspieler an den drei Tischen gegenüber anzukommen. Immer wieder schlugen sie mit geballter Faust auf den Tisch. Manchmal auch mehrmals hintereinander. Ich kenne die Spielregeln nicht. Wahrscheinlich ist dies ein ganz wichter Ausdruck, dieser Schlag auf den Tisch. Mich jedenfalls nervte es Und seine Mutter erklärte sofort wieder, wir müßten Schafkopfspielen lernen. Ein sooo tolles Spiel. Also wenn sie damit einmal angefangen hat, könnte sie nimmer aufhören. Ich versuchte mir, die ansonsten die absolute Ruhe suchende Frau, inmitten der Herrenrunde vorzustellen. Aber es gelang mir nicht. Prost. Der Wirt der kleinen Dorfkneipe brachte mir mein Radler, ihr ihre Weinschorle und meinem Mann sein Bier. Prost. Ich nahm einen großen Schluck und schaute an den Tisch gegenüber. Hier hockte ein fettleibiger alter Mann, der zum Atmen den Mund leicht geöffnet halten musste. Ihm gegenüber eine kleine, karge männliche Gestalt. Die Nervosität und Unsicherheit ausstrahlte. Eine seiner Hand war verkrüppelt. Ein Geburtsfehler, so erschien es ganz offensichtlich. Selten, aber dann doch, sprach der kleine Karge mit dem Fetten ihm gegenüber. Und ich merkte, dass nicht nur seine Hand in Mittleidenschaft gezogen war, sondern auch seine Sprachfähigkeit. Ich verstand jedenfalls kein Wort. Und auch der Dicke, ihm gegenüber, tat sich schwer. Prost. Ich nahm noch ein Schluck. Konnte meinen Blick aber nicht von dem seltsamen, nervösen, dürren Mann mit Krüppelhand wenden. Ich fragte mich (autsch, wie unanständig) ob er jemals Sex in seinem Leben gehabt habe. Irgendwann einmal. Vor Jahren. Aktuell sicher nicht. Dann würde er nicht so verschüchtert wirken. Nein, auf keinem Fall. Eher war der Dicke ihm gegenüber sein Vater. Dessen Frau verstorben ist und der nun, in einem alten, bruchreifen Bauernhaus, mit seinem Sohn allein lebt. Sohn mit Krüppelhand. Zu den beiden gesellten sich zwei Frauen. Beide im Alter des Dicken, und damit weit aus älter, als die kargere Gestalt, die aber auch schon Falten und einige graue Haare trug. Eine der Frauen hockte sich neben ihn, trank sogar aus seinem Weißbierglas. Sie kannten sich. Ganz eindeutig - die kannten sich. Ihre Körperhaltung signalisierte eindeutig Distanz. Seine hingegen zaghafte Zuneigung.
Die andere Frau hatte sich neben den Dicken gesellt. Der inzwischen sein Hirschbraten in großen Stücken aß.
Am anderen Tisch unterhielten sich eine Gruppe von Frauen und Männern um die Sechzig über ihre Urlaube im Erzgebirge. 'Erinnerst du dich noch an den Dackel?'
'Nee, Elfriede, dat war doch ein Schäferhund!'
'Quatsch, kein Schäferhund. Ein Dackel, mit ganz krummen Beinen!'
Der Mann reagierte nicht. Seine Antwort - ein Schweigen.
Und die Frau fuhr fort, mit ihrer Urlaubserzählung längst vergangener Jahre. Der Mann schwieg weiter. Und die anderen aßen. Still und schmatzend. 'Und da will mir jemand erzählen, dass Hunde intelligent sind!' belächelte sie das arme Tier zum Schluss, das vielleicht schon gar nicht mehr auf dem Erdball lebt. So alt wie die Geschichte war, die die Frau erzählte. Und so wenig der Mann sich noch entsann, ob es sich um einen Dackel oder um einen Schäferhund handelt.
Am anderen Nachbartisch kristallisierte sich die weniger geschminkte Frau der beiden Frauen als Frau des Dickens. Nicht etwa, weil irgendeine zärtliche Geste zwischen den beiden zu sehen war. Nein, er posaunte nur zu der munter plappernden Bekannten, am Tisch der Sechzigjährigen, dass er nun mal eine Frau hätte, die fahren könnte. Endlich eine, die fahren könnte und die er nicht durch die Landschaft chauffieren müsse. Und prost. Mit seinen Worten nahm er einen großen Zug aus seinem Bierglas. Die Frau an seiner Seite lächelte schüchtern.
Der nervöse Karge von deren, mit Krüppelhand, war inzwischen aufgestanden und unterhielt sich mit der Kellnerin. Die an der Theke lehnte. Und sichtlich alles lieber tat, als sich jetzt zuschwatzen zu lassen. Ihr Gesicht war von ihm abgewandt, während er redete.
Der Wirt, wahrscheinlich ihr Mann, brachte endlich unser Essen. Hirschbraten. Wunderbar mürbe und lecker. 'Guten Appetit', meinte er, mit schielenden, offensichtlich ebenfalls von Geburt aus beschädigten Blick, und verschwand wieder. Prost. Ich nahm einen Schluck vom zweiten Radler. Genoss das Essen. Konnte meine Augen aber nicht von dem Kargen, irgendwie extrem gruslig wirkenden Mann lassen. Der hatte noch nie Sex. Diese Überzeugung huschte durch mein Hirn. Warum auch immer ich gerade jetzt daran denken musste, stellte ich mir weiter vor, wo er seine Befriedigung holt. Sicher, ja ganz sicher, hat er noch irgendeine perverse Neigung. Autsch - sehen so gar Vergewaltiger aus.
'Beim Fritz um die Ecke, da ist der Friedhof, wo die Hunde begraben werden', schallte vom Tisch der Sechzigjährigen rüber. Die Frau, die vorhin die Urlaubserzählung vom besten gab und ganz sicher war, dass es sich um einen krummbeinigen Dackel und nicht um einen deutschen Schäferhund handelt, blabberte munter weiter. Während ihre Begleiter weiter aßen. 'Dort werden die großen Hunde beerdigt!'
Ach so, und wo die Kleinen? Sind nicht gerade die Kleinen diese, die einsamen alten Leuten in leeren Stunden Kinder und Partner erstetzen? Diese, die vermenschlicht werden und nach ihren Tod ihr eigenes Grab, anstatt die Schwender zu erwarten haben?
Ich ging dem Gedanken nicht weiter auf dem Grund. Einigte mich darauf, dass auf diesem Friedhof große und KLEINE Hunde beerdigt werden und aß meinen leckeren Hirschbraten mit Preiselbeeren weiter.
Bis zum süßen Ende.

Nach dem Essen fuhren wir. Mein Liebster ließ seine Mutter und mich am Waldesrand raus. So dass diese und ich eine Stunde lang durch die kaltgraue Winterlandschaft, bergauf- und bergab stapfen konnten. Tat dem Gemüt, aber sicherlich auch unseren übersättigten Körpern gut.

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Aus der Wortstation: http://klatschmohn.wortbeitrag.net

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